Archive for the 'Soziologie' Category

Sigmund Freud und die Werbeindustrie

gmelin_coverSeit Sigmund Freud 1890 die Psychoanalyse entwickelt hatte, kamen seine Erkenntnisse über die menschliche Psyche zumeist anderen Interessen als medizinischen zugute. Einer der Freud’schen Erben ist die Werbeindustrie. Sie entwickelte Strategien, die menschliche Triebnatur als einen Motor der Profitmaximierung auszunutzen. Dafür wurden eigens Trieblisten und Instinkt-Katalolge ausgearbeitet, anhand derer die Werbung je nach gewünschter Zielgruppe die beste Angriffstaktik entwickeln konnte. Otto F. Gmelin hat sich dieser Thematik in seinem 1975 erschienenen Buch „Anti-Freud. Freuds Folgen in der bildenden Kunst und Werbung“ angenommen. Kurz und prägnant nennt er die stärkste Waffe aller Werbestrategen:

Waren werden über sexuelle Versprechen symbolisch vermittelt.

Zugrunde liegt die Auffassung, dass der Mensch kulturbedingt seine Triebe nur rudimentär ausleben kann. Die Warenwelt, der Konsum, bieten ihm beinahe grenzenlose Ersatzbefriedigungen. Gmelin nennt es

programmierte Koitusumleitung über Markenartikel. Güter und Produkte erscheinen „zwischengeschaltet“ zwischen Trieb und Triebziel, treten an seine Stelle. […] Der Konsumaspekt der Sexualität steht in Relation zum kulturspezifisch erzeugten Mangel  der Bedürfnisbefriedigung.

Im Interesse der Absatzsteigerung forderten Industrielle damals präzise Erklärungsmodelle für menschliches Verhalten. Als „angewandte Sozialtechnik“ zielt die Werbeindustrie auf eine größtmögliche Kopplung von Triebbedürfnissen und Bildsymbolen an Waren. Zugleich werden durch die Werbung idealtypische Rollenmuster vermittelt, die den gewünschten Konsumenten gleichsam zu formen beabsichtigen. In einer Marketing-Studie von 1967 erfolgten die Rollenzuweisungen innerhalb einer „Nestwärme-Strategie“:

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Zugrunde liegt die Annahme, dass der Konsument seinen Lebensentwurf am Bestreben einer Erhaltung der „Nestwärme“ ausrichtet. Teil dieser Strategie ist das (möglichst eheliche) Zusammenleben von Frau uns Mann im eigenen Heim. Während der Mann für den Broterwerb sorgt, sehnt sich die Frau nach materieller Sicherheit. Dieses Modell gefällt nicht nur der Industrie, sondern auch dem Staat, denn jede Form von Protest und Gesellschaftskritik gilt unter diesen Bedingungen als gering ausgeprägt.

Mangelhaft ausgeprägt ist alles, was Selbstentfremdung durch Produkte aufheben und Beweglichkeit fördern könnte.

Schon damals wurden Kinder und Jugendliche als wichtige Zielgruppe der Werbung erkannt. Sie sind weitaus anfälliger für Werbebotschafen als Erwachsene, da sie sich in einer labilen Phase der Persönlichkeitsentwicklung befinden und Rollenmuster deshalb bereitwilliger übernehmen. Gmelin schildert das Vorgehen:

Sobald das Kind Geld hat – die 10-19jährigen geben heute Milliardenbeträge aus -, werden die vorhandenen Leitbilder der Kauf-Zielgruppen ermittelt, d.h. repräsentative Schlüsselbegriffe, die positiv besetzt (bewertet) sind. Dann wird Ware mit Bedürfnis gestalt-, farb-, symbol- usw. -psychologisch assoziiert. Aufgrund der empirischen Testergebnisse werden Produktion und Konsum identisch gemacht, mittels Symbol- und Medienstreuung „optimiert“.

Die Relation zwischen Freud’scher Psychoanalyse und Werbeindustrie lässt sich wohl ohne Übertreibung wie folgt bewerten: Letztere hat die Absichten ersterer mutwillig in ihr Gegenteil verkehrt. Anstatt den Menschen zu heilen, ist dessen kulturbedingte Schwäche systematisch und skrupellos ausgenutzt worden.

Werbung – imperative, appellative, übertriebene, schein-reale, gefühlsbetonte, romantische, emotionale, unterschwellige, informative, aufklärerische – hat keine sozialtherapeutische oder emanzipatorische Aufgabe; ihr Grundcharakter ist Überredung und Manipulation.

Zwar hat schon in den 70er Jahren der Gesetzgeber der Werbeindustrie Grenzen gesetzt – so wurde schon damals z.B. Tabakwerbung im Fernsehen verboten -, doch insgeheim dürfte auch der Staat immer ein großes Interesse an der Formung eines konsumorientierten Menschen besessen haben. Denn die mittels der Werbung propagierten Rollen- und Gesellschaftsideale hatten einen immensen systemstabilisierenden Nutzen, besonders angesichts der damaligen Herausforderungen durch eine rebellierende und nach Emanzipation strebenden Jugend.

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Der chauvinistische Kreuzzug des Neoliberalismus

Vor etwa 80 Jahren schickte sich ein Zirkel von Ökonomen an, die Freiheit der Wirtschaft von staatlichem Einfluss zu erzwingen. Sie verstanden ihr Bemühen als Kreuzzug und handelten im Namen einer höheren Macht, nämlich der „unsichtbaren Hand“ des Marktes. Zur wichtigsten Bastion dieser Marktradikalen entwickelte sich die „Chicagoer Schule des Monetarismus“, wo sich um den Nobelpreisträger Milton Friedman eine Jüngerschar zusammenfand, um jeglicher Form von staatlichem Interventionismus den Kampf anzusagen. Sie waren die Speerspitzen des Neoliberalismus, jener ökonomischen Ideologie, die inzwischen fast den ganzen Erdball erobert hat…

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Der Politiker als Volksversteher? Wie der Lobbyismus eine Politik der Lüge erzeugt

Aus aktueller Lektüre möchte ich einen Aufsatz des Trend- und Zukunftsforschers Matthias Horx vorstellen. Unter dem Titel „Lobbies und Seilschaften regieren“ widmet er sich der Frage, ob Politiker ehrlich sein müssen. Vor dem Hintergrund der nicht in Erfüllung gegangenen „geistig-politischen Wende“, die uns Helmut Kohl einst verprochen hatte, vermutet er einen Machtverlust der Politik zugunsten der „Basisdemokratie“. Was zunächst paradox klingt, gewinnt an Plausibilität, indem Horx auf das „Handbuch des öffentlichen Lebens“ verweist, das jährlich auf 1200 Seiten Kontaktadressen sämtlicher deutscher Institutionen auflistet.

Der Verband deutscher Zoodirektoren. Die Deutsche Kakteen-Vereinigung. Der Interessenverband Hydraulik und Hydroakustik. Die Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz im Ausland. Der Arbeitsring Lärmbekämpfung. Der Verband deutscher Kerzenhersteller. […]

Die unterschiedlichen Charaktere, die heute das politische Geschäft bestellen, müssen laut Horx alle auf ihre Weise diesen breitgefächerten Interessenvertretern gerecht werden – auf Kosten politischer „Inhalte“.

Politik, so spüren wir, wenn wir den politischen Zirkus aus den hinteren Zuschauerreihen betrachten, wird immer mehr zu einer Veranstaltung, die einer Modenschau gleicht, einem Variete mit Zauber- und Luftnummern [für] die Menge. Politiker vertreten heute immer weniger eherne Prinzipien und Ideologien, sie vermitteln, repräsentieren, symbolisieren Lebensstile, psychologische Grundmuster.

Und diese Grundmuster, so argumentiert er, seien „Muster, die die Wähler wiedererkennen, in denen sie sich selbst erkennen im Politiker“. Die Macht der Politiker erschöpfe sich angesichts der mächtigen Lobbyistenverbände in einem Ausbalancieren der mannigfaltigen Interessen unter Ausschluss der Ehrlichkeit gegenüber den Wählern.

Hier kommt offensichtlich derjenige Politiker am besten ins Spiel, der innerlich gleichsam leer ist und bei dem folgerichtig Lüge und Wahrheit verschwimmen.

Horx fürchtet unterdessen angesichts der verbreiteten Klage über die Unehrlichkeit der Politiker mehr den Ruf nach einem autoritären Staat als die Folgen einer Politik, die lediglich die „kybernetisch maximale Anpassungsleistung“ vom Politiker fordert.

Vor lauter Geschrei nach der „Wahrheit“ wird die schlichte Wahrheit vergessen, daß die moderne demokratische Gesellschaft ein Kaleidoskop aus Wünschen und Begehren, Beharrungsvermögen und Kräftebalancen ist, die durch all das, was so lautstark gefordert wird – Entschlossenheit, Aufräumen, In-den-Griff-Kriegen -, zerstört werden müßte. Hoffen wir, daß der Ruf nach „Führung“ ungehört verhallt.

Literatur: Matthias Horx: Lobbies und Seilschaften regieren, in: Opfer der Macht. Müssen Politiker ehrlich sein?, hg. von Peter Kemper, Frankfurt/M./Leipzig 1993, S. 234-244

Stupidität – Grundkategorie der Politik

Der 2001 verstorbene Soziologe Dietmar Kamper hat uns mit einer Kategorie der Politik bekannt gemacht, die ihr wohl so mancher ohne Zögern attestieren würde: Stupidität. Das politische Geschäft verlange es heute, dass dessen Akteure zwischen Reflexion und Aktion peinlichst genau trennten.

Wer Macht haben und behalten will, braucht ein tägliches Desensibilisierungstraining. Beschränktheit zum Zwecke des Handelns fordert Abwehr jeglichen Zweifels, erst Recht der Verzweifelung.

Kamper sieht gar ein Auseinanderbrechen von Politik und Intelligenz vollzogen, so dass die politische Bühne heute von Stereotypen mit ähnlich gelagerter „Stupidität“ bespielt werde, als da wären:

gewiefte Schauspieler und vergeßliche Funktionäre und schlecht simulierende Normalbürger, deren einstudierte Posen trotz Routine durchsichtig bleiben, und Bürokraten, die sich ihre Rhetorik von der Kanzel geliehen haben, und gewinnende Populisten, die sogar ihr Charisma noch als Maske zu benutzen wissen.

Im Gegensatz zur schlichten Dummheit, die z. B. der Ignoranz gegenüber besserem Wissen geschuldet ist, sei die Stupidität eine Verfeinerung.

Während die Dummheit noch Züge eines Vermögens trug, das sie für ein Handeln nach Zweck-Mittel-Relationen tauglich machte, besteht das Resultat stupider Macht in nichts anderem als im Verfehlen ihres Zieles, was dann mit allen Mitteln der Inszenierung vertuscht wird. So verausgabt sich die neueste Politik [1993] längst in der sorgsamen Verheimlichung dessen, daß Politik im alten Verstande nicht mehr stattfindet. Der Vollzug der Macht ist die Kaschierung einer fundamentalen Leere.

Die Argumentation Kampers diagnostiziert unserer Zeit katastrophische Züge, so dass sich im politischen Handeln letztlich eine psychologische Gegenstrategie angesichts des Unvermeidbaren äußere.

Was zu viel ist, zu gewaltig, zu groß oder komplex, provoziert – so betrachtet – ritualisierte Gegenwehr, die mittels normierender oder normalisierender Maßnahmen auf Dauer gestellt werden soll.

Somit neige die Stupidität zur Aufgabe jeglicher Intelligenz mit der Folge eines panischen und „wildgewordenen“ Handelns.

Das Wort stupide ist mit stupor verwandt und bezeichnet einen Zustand, in dem die Menschen entweder starr werden vor Schrecken oder aus Angst in der leerlaufenden Wiederholung der Simulation versinken.

Mit hoher Präzision vermag es Kamper, in die Niederungen der stupiden Psyche vorzudringen, die seiner Überzeugung nach in manischer Selbsttäuschung permanent an der Identitätsbildung durch „lebenslängliche Selbstinszenierung“ arbeitet.

Die Menschen werden genötigt, zum Schauspieler, ja zum Regisseur ihres Lebens zu werden, wenn sie sich am gesellschaftlichen Leben beteiligen wollen. […] Der ensprechende Habitus muss erlernt, auf Dauer gestellt und in automatisierter Funktionalität geübt werden.

Solcherart gelinge es dem stupiden Menschen, die Täuschung zum Authentischen zu erheben. Mit entsprechenden Folgen für die Politik, denn

nicht daß der Politiker lügt, ist das Problem im Zeitalter der Simulation, sondern daß er jederzeit glaubt, was er sagt, wenn er lügt, und daß das Gesagte das Einzige ist, was für ihn – gegen alle Vernunft – zählt, und daß er weiß, daß es schließlich außerhalb der machtgestützten Sage überhaupt nichts anderes gibt.

Die Politik gleiche deshalb in ihrem Unvermögen angemessenen Handelns einem

„Chaos-Generator“. Die Kunst des Möglichen produziert eine Unmöglichkeit nach der anderen.

Oder mit den Worten Umberto Ecos:

Für jedes komplexe Problem gibt es eine einfache Lösung, und die ist die falsche.

Komplexitätsreduzierung wird jedoch auf der politischen Bühne zumindest versprochen, und das mit nicht unerheblichen Gefahren:

Was Wunder, daß im Spürsinn für das Schieflaufen der Moderne alte und neue Fundamentalisten Konjunktur haben. Diese erheben gewissermaßen die allenthalben entstandene Dummheit zum Prinzip. Sie verzehren in regressiven Träumen die Stupidität ihrer Anhänger und entlasten sie von den Nöten der Komplexität.

Leider sieht Kamper kaum einen realistischen Ausweg aus dem Dilemma, sondern nur zwei Lösungen. Die wahrscheinliche sei die Fortsetzung der Stupidität, die unwahrscheinliche dagegen

die Öffnung der Politik für das Unmögliche, die einem Verzicht auf Macht gleichkommt.

Fortsetzung der Stupidität hieße aber, die Weltpolitik „durch die Vortäuschung, Ersetzung, Auflösung und Löschung von Realität“ ins Chaos zu stürzen, eine drohende Katastrope ohne Entkommen. Fast apokalyptisch schlussfolgert er:

Der beherrschende Glaube an den Mehrwert, der Kapitalismus, hat bald keine Alternative mehr. Das wird ihn unaufhaltsam in die Simulation treiben mit all den kenntlich gemachten paradoxalen Konsequenzen. […] In der grenzenlosen Welt der Spekulation, in der Immanenz des Imaginären wird er sich erschöpfen. Mit Krisen wurde er spielend fertig; er brauchte sie zum Überleben. Katastrophen sind dagegen außerhalb seiner Kompetenz.

Literatur: Dietmar Kamper: Stupidität. Über politische Dummheit heute, in: Opfer der Macht. Müssen Politiker ehrlich sein?, hg. von Peter Kemper, Frankfurt/M./Leipzig 1993, S. 112-124

TV-Doku: „Der Kurssturz des goldenen Kalbes“

Werbung am Turm des Wiener Stephansdoms

Am 25. November 2008 hat der österreichische Sender ORF2 eine Dokumentation von Andreas Gruber mit dem Titel „Der Kurssturz des goldenen Kalbes. Welche Religion kommt nach dem Kapitalismus?“ ausgestrahlt. Sie basiert auf dem Fragment „Kapitalismus als Religion“ von Walter Benjamin (siehe Blogartikel „Geldscheine und Götterbilder“). Der Kapitalismus wird als System mit Universalitätsanspruch geschildert, das über quasi-religiöse Mechanismen verfügt und alle Lebensbereiche durchdringt. Der eingeforderte Konsumkult verlangt den „Gläubigen“ eine uneingeschränkte Ausrichtung auf materielle Güter ab. Er transformiert darüber hinaus den Mensch zum Objekt seiner eigenen Verehrung. Aber der Kapitalismus zerstört auch seine eigenen Grundlagen durch ökologische Vernichtung, maßlose Ausbeutung von Ressourcen und die Erzeugung wiederkehrender ökonomischer Krisen.

Es folgt nun eine Zusammenfassung dieser ausgezeichneten Dokumentation.

Geschickt lässt Gruber den Film am Wiener Stephansdom beginnen, um die Touristenströme als Symptom der ganz und gar diesseitig orientierten Religion Kapitalismus zu deuten. Der Wirtschaftswissenschaftler Stephan Schulmeister bleibt ganz in diesem Bild:

Man stelle sich vor: eine feierliche Prozession der Eliten einer Gesellschaft, der Nobelpreisträger der Nationalökonomie, der führenden politischen Köpfe der Christlich-Sozialen, Konservativen, Sozialdemokraten, der bedeutendsten Journalisten und der Medien, und alle wandeln dahin unter der Monstranz, in der verborgen ist die unsichtbare Hand der Marktkräfte. Der tiefe Glaube, dass der Markt alle wesentlichen Fragen des wirtschaftlichen Zusammenlebens löst. Und sie marschieren in der Straße der Freiheit, und plötzlich stoßen sie an und es stellt sich heraus, es war eine Sackgasse. Was passiert dann?

Innerhalb dieses Systems habe die Finanz- und Wirtschaftskrise zugleich eine Glaubenskrise ausgelöst. Für einen Nachruf sei es zwar noch zu früh, aber zumindest ein genauer Blick auf dessen Mechanismen sei erforderlich, um die Suche nach Alternativen zu erleichtern. Der Kulturphilosoph Wolfgang Müller-Funk betont, dass jede Kultur oder Gesellschaft über ein Programm verfügt, das den Menschen Sicherheit und Halt gibt. Neben religiösen Traditionen könnten auch Ideologien diese Funktion ausüben.

Im Falle unserer westlichen Gesellschaften konstatiert Gruber einen Wandel weg von christlichen Werten hin zu einem auf äußerem Schein basierenden System:

Der totale Markt wurde zum faktisch allgegenwärtigen Leitsystem einer Gesellschaft, die Werte durch äußeren Anschein ersetzt hat. Die frohe Botschaft der Religion Kapitalismus war die radikale Antithese zum biblischen Evangelium. Ihr Credo war: „Und führe uns in Versuchung!“ und bedeutete die grenzenlose Steigerung des Konsums hin zum atemlosen Tanz ums goldene Kalb. Der Gläubige dieses Systems definierte seine Identität als Konsument: flexibel und austauschbar. Der totale Markt war in den letzten Jahrzehnten mehr als ein bloßer Wirtschaftsmechanismus. Seinem quasi-religiös fundamentalistischen Allmachts- und Erlösungsanspruch war nicht nur die Wirtschaft, sondern alle Lebensbereiche unterworfen.

Müller-Funk spricht deshalb von „ökonomischem Absolutismus“, weil

in allen Lebensbereichen das Ökonomische das Dominante ist. Das heißt die Entscheidung, was passieren soll, liegt in der Hand des Ökonomischen, […] es soll keine politische Kontrolle des Ökonomischen geben, das schadet dem Ökonomischen, das schadet dem Markt.

Sogar der Modeschöpfer Wolfgang Joop erweist sich in der Dokumentation nicht nur als Kenner der Religion Kapitalismus, sondern auch als deren Kritiker. Nach den menschenfeindlichen Ideologien des zwanzigsten Jahrhunderts sei einzig der Kapitalismus revitalisierbar gewesen. Der „Weg des spirituellen Shoppings“ führe auch gegenüber religiösen Werten zu einem typischen Konsumverhalten.

Der Theologe Józef Niewiadomski äußert den einprägsamen Satz:

Wir haben keine Gebote, sondern nur noch Angebote.

Diese Logik der Angebote entpuppe sich schließlich als eine

knallharte Logik, die noch härter ist, als die Logik der alten Gebote.

Eine gravierende Folge der Religion Kapitalismus sei zudem der Wandel des Menschenbildes. Der Konsument forme sich zu seinem eigenen Objekt der Anbetung. Der permanente Kult des Konsums zwinge ihn dazu, gesund und leistungsfähig zu sein, denn über seine Leistung misst sich sein Wert. Im Fitnesstudio formt er sich quasi zu seinem eigenen Götzen.

Der Mensch als sein eigener Gott.

Die Werbeindustrie übernimmt die Rolle, die früher durch die Kirche ausgeübt wurde: Sie liefert die Bilder der „neuen Heilsgeschichte“. So erläutert der Werbeagentur-Chef Johann Reifetzhammer, dass es niemals nur um materielle, sondern um ideelle Werte gehe, die durch Bilder suggeriert werden sollen. Es gehe um das

Glücks- und Heilsversprechen schon vor dem Tod.

Weil die Religion Kapitalismus an keine Transzendenz glaubt, verwundert es kaum, dass es auch das Paradies auf Erden zu kaufen gibt: Urlaub unter Palmen am weißen Sandstrand.

Keine Vertröstung mehr aufs Jenseits. Ankunft und Einzug ins Paradies und zwei Wochen Himmel auf Erden.

Freilich offenbart gerade das kenianische Urlaubsparadies jenseits des abgesperrten All-Inclusive-Areals den Widerspruch des Systems:

Eine harte Sollbruchstelle einer ganz und gar nicht globalisierten Welt. Hier brechen Welten auseinander.

Das Heilsversprechen des Kapitalismus, der ganzen Welt Wohlstand zu ermöglichen, erweist sich nirgends so deutlich als Trugschluss wie in der Dritten Welt. Während Nahrung an den Börsen als Spekulationsobjekt gehandelt wird, hungern die Menschen auf der anderen Seite des Globus in Folge der Preisentwicklung.

In der Religion des totalen Marktes werden alle Fragen nach Gerechtigkeit, Chancengleichheit oder Solidarität tunlichst vermieden. Denn diese Religion hat keine Antworten auf moralische Fragen.

Auch ökologische Katastrophen und die maßlose Ressourcenausbeutung kommen zur Sprache,

der Preis für den Tanz ums goldene Kalb.

Zitiert wird Boris Groys mit einem schockierenden Schluss:

Die konsequenteste Form des Konsums ist die Vernichtung und der Verbrauch aller Dinge. Und der ideale Konsument ist letzlich der Tod.

Schulmeister stellt die These auf, dass der entfesselte Kapitalismus sich letztlich gegen sich selbst stellt und eine Krise auslöst:

Die Entfesselung der Finanzmärkte hat eine Eigendynamik entwickelt, die sich jetzt gegen den Neoliberalismus selber stellt. Das heißt das, was zur Systemänderung führt, ist die soziale Dynamik insgesamt, […] es ist die Ökonomie selber, die sich sozusagen partiell unterminiert und eine Krise produziert.

Müller-Funk schlägt schließlich als Lösungsansatz vor, zu beginnen, vom Universalitätsanspruch der kapitalistischen Logik abzuweichen:

Ein wesentlicher Punkt der Transformation wäre auf der kulturellen Ebene das Eingeständnis: Wir sind nicht gut beraten, den Kapitalismus als Kern unserer symbolischen Bestände zu nehmen. Wir brauchen sozusagen etwas, das anders ist als das Kapital, das anders ist als das Geld, das anders ist als die Beziehung zwischen Menschen, die nur auf dem wechselseitigen Zweckverhältnis basiert.

Geldscheine und Götterbilder

Walter Benjamin hat 1921 das nie vollendete Fragment „Kapitalismus als Religion“ geschrieben. Die Aktualität dieses kritischen Essays ist heute ungebrochen, wenngleich der Titel schnell als reine Polemik missverstanden werden könnte.

Drei Aspekte einer Religion erkennt Benjamin in der Struktur des Kapitalismus:

Erstens ist der Kapitalismus eine reine Kultreligion, vielleicht die extremste, die es je gegeben hat. […] Mit dieser Konkretion des Kultus hängt ein zweiter Zug des Kapitalismus zusammen: die permanente Dauer des Kultus. […] Es gibt keinen „Wochentag“, keinen Tag der nicht Festtag in dem fürchterlichsten Sinne der Entfaltung allen sakralen Pompes, der äußersten Anspannung des Verehrenden wäre. Dieser Kultus ist zum dritten verschuldend. Der Kapitalismus ist vermutlich der erste Fall eines nicht entsühnenden, sondern verschuldenden Kultus.

Benjamins pessimistischer Blick auf  den Kapitalismus malt ein düsteres Zukunftsbild:

Darin liegt das historisch Unerhörte des Kapitalismus, dass Religion nicht mehr Reform des Seins sondern dessen Zertrümmerung ist.

Weil sich laut Benjamin der Kapitalismus parasitär auf dem Christentum entwickelt hat, regt er eine Untersuchung der religiösen Bildmotive auf Banknoten an:

Vergleich zwischen den Heiligenbildern verschiedener Religionen einerseits und der Banknoten verschiedener Staaten andererseits. Der Geist, der aus der Ornamentik der Banknoten spricht.

Diese Anmerkung hat Birger P. Priddat zum Anlass für einen Beitrag im Sammelband „Kapitalismus als Religion“ genommen.

Priddat: „Geist der Ornamentik“, Ideogrammatik des Geldes: Allegorien bürgerlicher Zivilreligion auf Banknoten des 19. und 20. Jahrhunderts, in: Baecker (Hrsg.): Kapitalismus als Religion, Berlin 2009, S. 19-34.

Anhand von ikonographischen Untersuchungen ausgewählter Banknoten spürt er ihrem religiösen Aspekt nach und fördert Erstaunliches zutage:

 

Wir lernen eine Zivilreligion kennen, antikisch verkleidet, eigentümlich industriefern, die den Exzess der Wirtschaft in der Industrialisierung durch eine polytheistische Figurinenmannschaft be- und ent-geistern hilft.

Durch den zunehmenden Ersatz des werthaltigen Münzgeldes durch gedruckte Geldscheine sollten die Motive das „Versprechen auf Wachstum, auf regaining of values“ repräsentieren. Die Banken griffen dazu auf einen in bürgerlichen Kreisen vertrauten Formenschatz zurück, insbesondere Göttinnen der Fruchtbarkeit und des Wohlstands.

Der Schein bekommt einen aufgedruckten, sichtbaren Schutzgeist, eine Beruhigungsfigur, die tief in die Fruchtbarkeitsmythologie des bildungsbürgerlich gehobenen, antiken Geistesschatzes eintaucht – als ob die Querelle des anciens et des modernes im 19. Jahrhundert an Versöhnung erinnert und damit beendet werden müsse. Die Schutzgeister der beginnenden Industrialisierung verkleiden sich als geschichtsvertraute Antikenfiguren; der Schock der Moderne wird durch ein Puppentheater mit Idolen der alten Welt ausgestattet […].

Assignat über 2000 Francs von 1794: erstmalige Aufnahme antiker Figurendarstellungen

Priddat deutet die Anwesenheit von Schutzgeistern als Zeichen von Gefährdung, als Beschwörungsformeln angesichts der industriellen Revolution, deren Entwicklung noch ungewiss war.

Während sich die frühen Banknoten in erster Linie durch ihre Handelssymbolik auszeichneten, gerät um 1900 die Staatsrepräsentation in den Vordergrund.

Der Reichskassenschein ist keine Banknote, sondern ein Staatspapier. Das bürgerliche Fruchtbarkeitsideal wandelt sich in ein staatliches Hoheitszeichen, die pastorale Idylle in eine wagnerianisch inszenierte Machtkonstellation mit martialischem Personal, das dennoch fraulich bleibt. Mutter Erde und Jüngling Handel werden streitbare Matronen. Sichtlich haben die Stahlstecher und ihre Auftraggeber deutsche Theater- und Opernaufführungen gesehen; der Germanenkult schlägt ein.

Reichskassenschein über 5 Mark der deutschen Reichsschuldenverwaltung von 1899: Germania als streitbare Matrone, Wikingerschiff als „Kriegsmarine in der Inszenierung einer Wagneroper“

Priddat betont das fast völlige Fehlen der Industrie im Formenvokabular, denn „Industrie war gewalttätig, vor allem sozial gewalttätig“. Stattdessen inszenieren die Banknoten eine Idylle des Handels, „stilles Ruhen, Beschauen der Früchte, Zeigen der Produkte“. Diese Früchte genießen indes nur diejenigen, die über Geld verfügen. Somit ist die Zivilreligion eine exklusive, auf Besitz gründende:

Sie gilt nur für die, die Geld haben. Wer scheinlos ist, hat keine Götter mehr. Die Logik ist einfach: Geld schützt in dem Maße, in dem man es hat, sonst nicht.

Schließlich erkennt Priddat in der Symbolik des Geldes eine Entschuldigung für die sozialen Schulden, die es erzeugt. Die Beruhigung durch ihre Bilder wirkt auf die Besitzenden, die Armen partizipieren nicht an der Götterwelt. Doch beschwören die Banknoten nicht die alten Götzen, vor denen die abrahamitischen Religionen so eindringlich warnen? Den sprichwörtlichen Tanz ums goldene Kalb? Schenkt man Priddat Glauben, dann artikuliert sich in der Bildsprache der Geldscheine ein tiefes Schuldbewußtsein.

So wie man auf den Händler- und Banknoten des 19. Jahrhunderts nicht an den strengen Gott Abrahams erinnern will, sondern auf unschuldigere Szenarien ausweicht, die aber dennoch Götterlandschaften sind, so ist die pastorale Besetzung die (bewusste, unbewusste?) Ablenkung vom strafenden Christengott, der den Handel an der Grenze zur Habsucht sieht. Man sucht sich (ist das legtim?) eben die Götter, die man für das Geschäft braucht. Es müssen dann Götter sein, die die Geldgeschäfte segnen und schützen.


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