Archive for the 'Globalisierung' Category

Wie die Freimaurer die westlichen Werte erfanden

jaeger_grossen orientÜber das Wirken der Freimaurerei hinter den Fassaden der Politik hüllt sich die deutsche Presse gemeinhin in Schweigen. In Frankreich geht man weitaus freizügiger mit dem Thema um. Dort treten Größen der Politik ganz selbstverständlich als Redner bei Veranstaltungen z.B. des Grand Orient auf, der einflussreichen französischen Großloge. Sucht man in der deutschen Presselandschaft kritische Informationen über die Freimaurer, dann kann man sie am ehesten bei deren traditionellem Erzfeind finden: der katholischen Kirche. So lässt die papsttreue Nachrichtenseite katholisches.info verlautbaren, dass rund ein Drittel der Minister unter dem französischen Staatspräsidenten François Hollande Freimaurer sind. Unversöhnlich steht die Kirche den geheimbündlerischen Machenschaften der Logen gegenüber, seit ihr diese die Deutungshoheit über den Wertekanon des Abendlandes entrissen haben. Bis heute gelten die „fünf Grundpfeiler der Freimaurerei“, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität, wie selbstverständlich als ewig gültige westliche Werte, in deren Namen auch Krieg und Folter gegen sogenannte „Feinde der Menschlichkeit“ gerechtfertigt werden.

Lorenz Jäger, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, hat 2009 ein Buch veröffentlicht mit dem Titel „Hinter dem Großen Orient. Freimaurerei und Revolutionsbewegungen“. Darin spannt er einen weiten Bogen von der Französischen Revolution bis in die Gegenwart, liefert biographische Skizzen und wagt einen tiefen Blick hinter die Kulissen der revolutionären Bewegungen. Die Säkularisierung ohne die Freimaurer zu begreifen, hieße, sie gleichsam als naturgesetzliches Wirken misszuverstehen. In Wahrheit strebten die Logen zielstrebig einen Fundamentalumbau der westlichen Zivilisation an, beginnend mit der Verweltlichung der christlichen Moral. So konstatiert Jäger:

Es handelte sich im achzehnten Jahrhundert darum, Religion durch Moral zu ersetzen. Die Frömmigkeit wurde privat, öffentlich wurde die „Tugend“. (14)

Was die Französische Revolution sich auf die Fahnen schrieb und was fortan den Grundstock der „westlichen Werte“ bilden sollte, findet sich vorformuliert in den exklusiven Zirkeln der Logen.

Habermas hat den Logengedanken bündig formuliert: „Die soziale Gleichheit war zunächst nur als eine Gleichheit außerhalb des Staates möglich.“ Indem sie, jedenfalls dem Programm nach, keine Konfession ausschlossen, waren die Freimaurer für humanitär-universalistische Ideen offen. (15)

Doch diese Werte galt es auch innerhalb des Staates zu etablieren, nachdem die traditionellen beseitigt wären. Als ein staatenübergreifendes Netzwerk boten die Logen Revolutionären unterschiedlichster Nationalität und Gesinnung die Möglichkeit, miteinander in Kommunikation zu treten:

Im neunzehnten Jahrhundert bestanden zwischen den Protagonisten der radikalen, republikanischen, demokratischen und sozialistischen Bewegungen einerseits und den Freimaurern andererseits enge Beziehungen. Sieht man es von der Seite der Politisch-Oppositionellen her, die meist auch scharf antiklerikal eingestellt waren, dann bot die internationale Gemeinschaft der Freimaurer eine europaweite, bis nach Rußland reichende Infrastruktur der Kommunikation, die ihnen die Kontaktaufnahme zu möglichen Sympathisanten, sei es in Italien, in Polen, in Frankreich oder in Großbritannien, erlaubte. (22)

Die berühmte Parole „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ deckte genau wie die präferierten politischen Ausrichtungen der revolutionären Akteure ein hohes Maß an Deutungsspielraum ab:

„Freiheit“ konnte Liberalismus bedeuten und, durch das Geheimnis geschützt, auch Anarchismus. „Gleichheit“ konnte für Rechtsstaatlichkeit und für gleiches demokratisches Wahlrecht stehen oder für Sozialismus; „Brüderlichkeit“ für nationale Solidarität der Republik, oder für eine frühe Form der globalistischen Ideologie […] oder für die Bruderkette der Eingeweihten selbst. Dieses Schillern ist die Freimaurerei des neunzehnten Jahrhunderts. Vom fortschrittlichen Bürgertum bis weit in die Linke hinein vereinigt sie die Kader der Republik. (22)

Für Jäger steht es außer Frage, dass die Freimaurer eine immense Bedeutung für die Koordinierung revolutionärer Umstürze besessen haben:

Die Freimaurerei diente den Revolutionsbewegungen teils als Rekrutierungsraum, teils als Kommunikationsnetzwerk; manchmal als Rückzugsbasis und manchmal als Versteck, als Stützpunkt legaler Deckung. Nirgendwo hat sich wie in Frankreich, und von dort ausgehend dann auch in den anderen Ländern der Romania, der Zusammenhang von Ideologie der Republik, Antiklerikalismus und Freimaurerei so deutlich hergestellt. (24)

Am Ende des Buches wagt es Jäger, die mögliche Absicht hinter den freimaurerischen Bestrebungen, einen revolutionären Wandel der Gesellschaft herbeizuführen, zu erahnen, sowie die Gefahren abzuschätzen:

Alle Tendenzen, die wir beobachtet haben, kommen in der Vorstellung der Emanzipation, der „Befreiung“ überein. Zieht man die Linien des freimaurerischen Gedankens aus, dann steht am Ende die völlig autonom gewordene Menschheit. Aber zugleich wäre sie dann unausweichlich einer geheimen Leitung unterworfen, einem verschwiegenen Kreis, zu dessen innersten Lehren kein Uneingeweihter Zugang haben darf, der durch eine Omertà nach Außen [sic!] geschützt wäre und die Erforschung seiner Soziologie proskribieren könnte. (136)

Diese Befreiung ist folglich belastet durch einen gravierenden Mangel. Mittels ihrer heimlichen Steuerung aus den abgeschirmten Kreisen der Logen heraus überführt sie die Staaten in eine neue Form des Totalitarismus:

Man hätte, in äußerster Konsequenz, eine Herrschaftsform, gegen die gehalten vielleicht selbst die historischen Totalitarismen verblassen würden. Die Souveränität einzelner Staaten wäre beschränkt durch einen „Völkerbund“, den schon Georg Forster antizipierte. Der kirchliche Einfluß, der noch über den sowjetisch bestimmten Kommunismus siegte, wäre vollends ausgeschaltet; die Gemeinschaften in Individuen atomisiert. Damit wäre die Möglichkeit der Resistenz zunichte gemacht. (136)

In den meisten Geschichtsbüchern werden die „westlichen Werte“ als Errungenschaft der Aufklärung bezeichnet. Doch man kann sie ebenso gut „freimaurerische Werte“ nennen, zumal die einflussreichsten Vertreter der Aufklärung Freimaurer waren. Spätestens die nachweislich auf Lügen basierenden Kriege der USA gegen Afghanistan und den Irak im Namen ebendieser „Werte“ neben zahlreichen weiteren „humanitären Interventionen“ sollten Zweifel aufkommen lassen. Fahrlässig werden hehre Ideale dafür instrumentalisiert, Terror und Krieg zu verbreiten. Tatsächlich befindet sich die „westliche Wertegemeinschaft“ in einer tiefen Vertrauenskrise. Es ist höchste Zeit, die Mächte hinter der Macht in Augenschein zu nehmen.

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Zum Tod von Stéphane Hessel: Eine Leseprobe

hesselGestern ist bedauerlicherweise Stéphane Hessel verstorben. Bekannt wurde er vor allem mit seinem 2010 erschienen Essay „Empört euch!“. Warum hat der hochbetagte Hessel noch mit 93 Lebensjahren zur Empörung aufgerufen? Er wusste genau, welchen Wert die Empörung gegen unmenschliche Zustände besitzt und welche Kraft ihr innewohnt. Während der deutschen  Besatzung Frankreichs ging er in die Résistance, wurde von der Gestapo verhaftet und gefoltert, nach Buchenwald und Dora deportiert, schließlich gelang ihm die Flucht. Nach dem Krieg wirkte Hessel mit am Verfassen der UN-Charta der Menschenrechte. Zeit seines Lebens wirkte er für bessere Lebensbedingungen v.a. der Menschen in der Dritten Welt.

Vor drei Jahren veröffentlichte Hessel dann sein Essay „Empört euch!“, das weltweit rund 2 Millionen mal verkauft wurde. Für alle, die es nicht gelesen haben, möge diese Leseprobe einen Einblick gewähren.

Schon zu Beginn erinnert Hessel an die Grundsätze, die 1944 von Vertretern der Résistance verfasst wurden:

Das Gemeinwohl sollte über dem Interesse des Einzelnen stehen, die gerechte Verteilung des in der Arbeitswelt geschaffenen Wohlstandes über der Macht des Geldes. „Eine rationelle Wirtschaftsverfassung, in der die Individualinteressen dem Allgemeininteresse untergeordnet sind, ohne Diktatur der Sachzwänge nach dem Vorbild faschistischer Staaten“ – dies als Auftrag an die provisorische Regierung der Republik. (S. 8)

Diese Grundsätze seien heute außer Kraft gesetzt, der Sozialstaat gelte als unbezahlbar. Warum?

Doch nur deshalb, weil die Macht des Geldes – die so sehr von der Résistance bekämpft wurde – niemals so groß, so anmaßend, so egoistisch war wie heute, mit Lobbyisten bis in die höchsten Ränge des Staates. […] Noch nie war der Tanz um das goldene Kalb – Geld, Konkurrenz – so entfesselt. (S. 9)

So fordert er die gesamte Gesellschaft auf, sich nicht kleinkriegen zu lassen „von der internationalen Diktatur der Finanzmärkte“.

Den Willen der Siegermächte des Zweiten Weltkrieges, die Ideale der Résistance ernsthaft umzusetzen, stellt er in Zweifel:

So konnten wir versuchen, diese Werte gegen jene Siegermächte durchzusetzen, die ihre Zustimmung zu ihnen bloß heuchelten und gar nicht die Absicht hatten, sie loyal umzusetzen. (S. 14)

Hessel spricht auch den Nahostkonflikt an und geht mit der Politik Israels hart ins Gericht. Er verweist auf den Gaza-Bericht Richard Goldstones von 2009:

In ihm klagt dieser südafrikanische Richter, selber Jude und bekennender Zionist, die israelische Armee an, während ihrer dreiwöchigen Operation „Gegossenes Blei“ Akte begangen zu haben, „die mit Kriegsverbrechen und vielleicht, unter bestimmten Umständen, mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit vergleichbar sind“. (S. 16)

Der Spirale der Gewalt setzt Hessel die Hoffnung auf Gewaltlosigkeit entgegen. So habe Sartre kurz vor seinem Tod erklärt:

Man muss zu erklären versuchen, warum die gegenwärtige Welt, die schrecklich ist, nur ein Augenblick im langen geschichtlichen Ablauf ist, dass die Hoffnung immer schon eine der großen Triebfedern der Revolutionen und Aufstände war, und wie sehr spüre ich noch, dass die Hoffnung meine Vorstellung von der Zukunft ist.“ (S. 18)

Schließlich kehrt er zum grassierenen Problem unserer Gegenwart zurück, den Zumutungen und Gefahren der neoliberalen Ideologie:

Das im Westen herrschende materialistische Maximierungsdenken hat die Welt in eine Krise gestürzt, aus der wir uns befreien müssen. Wir müssen radikal mit dem Rausch des „Immer noch mehr“ brechen, in dem die Finanzwelt, aber auch Wissenschaft und Technik die Flucht nach vorn angetreten haben.“ (S. 19f.)

So schließt Hessel sein Essay mit der Forderung, den Zorn über die Ungerechtigkeit nicht schwinden zu lassen.

Und so rufen wir weiterhin auf zu „einem wirklichen, friedlichen Aufstand gegen die Massenkommunikationsmittel, die unserer Jugend keine andere Perspektive bieten als den Massenkonsum, die Verachtung der Schwächsten und der Kultur, den allgemeinen Gedächtnisschwund und die maßlose Konkurrenz aller gegen alle.“ […] „Neues schaffen heißt Widerstand leisten. Widerstand leisten heißt Neues schaffen.“

Klimaschutz als Dogma

Der Spiegel berichtet heute über einen Eklat um den Klimaforscher der Bundesregierung Stefan Rahmstorf. Folgendes ist vorgefallen: Die Journalistin Irene Meichsner hatte für die Frankfurter Rundschau einen kritischen Artikel bezüglich des UNO-Klimaberichts, kurz IPCC-Report, veröffentlicht. Dort mokiert sie sich darüber, dass Dürre-Prognosen für Nordafrika in einem Kapitel des Berichts zu knapp belegt seien.

Das war Rahmstorf offenbar zu viel. Er griff in einem Blog Meichsner scharf an, warf ihr schlechte Recherche vor und bezichtigte sie, den IPCC-Report nicht gelesen zu haben. Nachdem er seine Beschwerden auch vor die Redaktion der Frankfurter Rundschau trug, wurde der Artikel aus dem Netz genommen. Freundlicherweise verlinkt Rahmstorf selbst jedoch auf den Kölner Stadtanzeiger, wo er tags zuvor erschienen war, jedoch später geringfügigen Änderungen unterzogen wurde. Der Satz

Darin wird auch behauptet, dass ganz Afrika von gravierenden Dürren heimgesucht werden wird. Diese These entbehrt jedoch jeder wissenschaftlichen Grundlage.

wurde wie folgt umgeschrieben:

Darin wird auch behauptet, dass weiten Teilen Afrikas gravierende Dürren drohen. Diese These ist jedoch wissenschaftlich nicht ausreichend belegt.

Im Februar hatte nun das Landgericht Köln der Journalistin Recht gegeben und Rahmstorf zur Unterlassung seiner Behauptungen verurteilt. Der Fall macht deutlich, wie sehr es in Fragen des Klimawandels inzwischen um eine dogmatische Auseinandersetzung geht. Rahmstorf ist dabei nicht irgendein Klimaforscher, sondern Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU). Damit bekommt der Fall auch einen politischen Beigeschmack. Denn im WBGU wird aus den weltweiten Umweltproblemen eine klare politische Forderung abgeleitet, die man am besten im Hauptgutachten 2011 „Welt im Wandel: Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation“ nachlesen kann. Dort heißt es etwa:

Die  WBGU-Analyse  zeigt  zudem,  dass  die  heute bestehenden Institutionen für die globale Politikgestaltung (global governance) nicht gut auf die Transformation vorbereitet sind.

Die „Große Transformation“ ist durchaus wörtlich gemeint, denn die globalen Probleme, so der Grundtenor des Gutachtens, sei nur durch weltweit stattfindende politische Veränderungen erreichbar:

Hier geht es gleichermaßen um die Neuordnung der Märkte und die  Umgestaltung  institutioneller  Ordnungen  wie  um „harte“  technologische  Innovationen  und  „weichen“ soziokulturellen Mentalitätswandel. Ein solcher Transformationsprozess  wird  schließlich  gegen  zahlreiche Blockademechanismen  und  Beharrungskräfte  durchgesetzt werden müssen.

Von den erörterten Zukunftsszenarien bevorzugt wird in dem Gutachten

eine multipolar strukturierte Weltordnung, in deren Rahmen  sich  ein  geopolitischer  Machtwettbewerb zwischen  den  Polen  eines  „kalten  Friedens“  und eines „heißen Konflikts“ bewegt,

während der heute bestehenden multilateralen Ordnung

Defizite und Grenzen hinsichtlich  globaler  Problemlösungsfähigkeit  und  Handlungsmacht

bescheinigt werden. Als Worst Case-Szenarien werden einerseits eine

unipolare Hegemonialordnung, z. B. unter Führerschaft Chinas

angeführt, zum anderen

eine  fortschreitende  Erosion  weltpolitischer  Ordnung  in  Folge  gehäufter  politischer  Katastrophen (policy disasters) und globalen Politikversagens.

Angesichts dieser „höheren Ziele“ mag es verständlich sein, dass Rahmstorf mit seiner Kritik an der Kritik so weit übers Ziel hinausgeschossen ist, dass sich Gerichte mit dem Fall beschäftigen mussten. Markus Lehmkuhl, der an der Freien Universität Berlin die Arbeitsstelle Wissenschaftsjournalismus leitet, hat klar Stellung bezogen. Unter dem Titel „Wahrheit und politische Agitation“ schreibt er im „wpk-Quarterly“ über den Fall:

Er bietet Anschauungsmaterial für den anmaßenden Mißbrauch des Wahrheitsbegriffes durch einen international bekannten Klimaforscher, der im Gewande des wissenschaftlichen Experten vorgeblich Wahrheit fordert, tatsächlich aber – einem politischen Agitator gleich – für das aus seiner Sicht Gute streitet.

Jenseits des Schleiers (1)

Gut zwei Jahrhunderte nachdem die säkulare Wissenschaft begonnen hat, dem Menschen der westlichen Zivilisation seine Welt zu entzaubern und den Fortschritt zu predigen, begegnen wir heute einer neuen Form des Unglaubens. Scharenweise verlieren Menschen den Glauben an den Schleier der modernen Welt, wie er uns in der tösenden und glitzernden Evidenz der Massengesellschaft begegnet, in Straßenverkehr, Kaufhäusern, Kinofilmen, Popkultur, iPhones, Facebook. Genau wie vor 200 Jahren stehen heute wieder Gewissheiten zur Disposition. Gewusst haben wir es irgendwie alle, dass es kein ewiges „Wachstum“ geben kann, dass unser „Wohlstand“ teuer erkauft ist, kurz: dass dieses scheinbar so vernünftige System in Wahrheit unvernünftig ist.

Mehr Unbehagen lösen vielleicht die vielen Widersprüche aus, die in Zeiten der „Krise“ noch deutlicher ins Auge treten. Wie kann ein „freiheitliches“ System seinen „Feinden“ begegnen, indem es die Freiheiten abschafft? Wie kann man von Frieden reden und dennoch Krieg führen? Wie können wir uns als „reiche“ Länder begreifen und doch hochverschuldet sein bis zum drohenden Kollaps? Hinter dem Schleier der Verheißungen von Freiheit, Friede, Demokratie und Wohlstand droht eine unbequeme Wahrheit. Längst hat eine fatale Dynamik die Welt ergriffen, die sich täglich in Wachstumsprognosen, Bilanzen und Börsenkursen niederschlägt. Mit analytischer Kälte wird die Welt wie eine kolossale Maschine betrieben, der wie in Fritz Langs „Metropolis“ gleichsam Menschen zum Opfer gebracht werden.

Je mehr von „Zukunftsfähigkeit“ gesprochen wird, desto klarer wird doch, dass irgendwie die Zukunft zugunsten exponentieller Wachstumskurven und kurzfristiger Profite bereits unwiederbringlich verkauft wurde. Die Maschine folgt einer ehernen Logik. Indem sie wächst und wächst, lassen sich die Unbeirrbaren, die ihre Effizienz täglich steigern, vom Wahnbild blenden, diese Entwicklung sei „alternativlos“. Sind wir nur noch ein willenloses Gefolge, das blind in den Schlund des „Molochs“ getrieben wird? Werden Menschen, Tiere, Pflanzen, ja die ganze Erde schließlich immer gründlicher „verwertet“, damit die Maschine im Zenith ihrer Perfektion in sich zusammenstürzt – weil es nichts mehr gäbe, was sie noch verzehren könnte?

 

Fritz Lang: „Metropolis“, Ausschnitt:

Libyen: Gaddafi ermordet, was nun?

Gaddafi ist tot. Über die genauen Umstände seiner Ermordung gibt es allerdings widersprüchliche Aussagen. Handyvideos zeigen verstörende Bilder eines offenbar bereits schwer verletzten Gaddafi, der von Rebellen auf eine Motorhaube gehievt wird. Ein anderes Video zeigt einen wütenden Mob, der auf den über den Boden stolpernden Mann einschlägt. Und noch ein Clip zeigt, wie die Leiche des Ex-Diktators über den Boden gezerrt wird, während auf seinen Kopf eingetreten wird.

Derlei brutale Szenen sind sicherlich nicht im Sinne der Vereinten Nationen, die angeblich zum Schutz der libyschen Zivilbevölkerung am 17. März 2011 die Resolution 1973 verabschiedet hatten. Anfangs wurde zwar beteuert, Ziel sei kein Regimewechsel. Doch dass genau hierin das unausgesprochene Ziel des NATO-Einsatzes bestand, zeigte sich schon bald nach Beginn der Luftangriffe unverhohlen. Wie immer gebärdeten sich die westlichen Mächte als Retter in schwerer Not, während Gaddafi vorgeblich „Krieg gegen das eigene Volk“ führte. Diese Floskel trug maßgeblich dazu bei, dass in der westlichen Hemisphäre der Militäreinsatz als „humanitärer“ akzeptiert wurde. Faktisch handelte es sich mitnichten um einfache Zivilisten, die der Diktator bekämpfen ließ, sondern um bewaffnete Rebellen – ebensolche, die im Irak und in Afghanistan als „Terroristen“ von den USA und ihren Verbündeten gejagt werden.

Sehr viel wahrscheinlicher handelt es sich beim Libyeneinsatz um einen weiteren geostrategischen Schachzug der USA und ihrer Verbündeten. So wurde bereits im Oktober 2007 das United States Africa Command (AFRICOM) als sechstes Regionalkommando der US-Streitkräfte aufgestellt. Weil die USA bis 2015 voraussichtlich 25% ihres Ölbedarfs aus Afrika beziehen werden, erfolgte seit 2002 gezieltes Lobbying, um die amerikanische Militärpräsenz in Afrika zu steigern – besonders im Hinblick auf den aufsteigenden Kontrahenten in der Region: China. Derzeit hat AFRICOM zwar noch seinen Sitz in Stuttgart, doch wäre es kaum verwunderlich, wenn das Regionalkommando bald nach Libyen umziehen würde. Auch ist die Rolle AFRICOMs am Libyeneinsatz unklar. Offiziell haben die USA den Einsatz vom europäischen Kommando EUCOM aus geführt, das zusammen mit der NATO von Admiral James Stavridis geleitet wurde. Doch gehen Analysten davon aus, dass AFRICOM in Geheimdienstaktivitäten eingebunden ist, die bis hin zur Unterstützung der libyschen Rebellen reichen könnten.

US-Regionalkommandos weltweit:

Der kanadische Journalist Mahdi Nazemroaya, der sich seit Ausbruch der Unruhen in Tripolis aufgehalten hat, erkennt in der Strategie der Westmächte klare neokoloniale Bestrebungen:

AFRICOMs Hauptaufgabe ist es, den afrikanischen Kontinent für die USA und ihre Alliierten sicher zu machen. Sein Auftrag ist es, eine neue koloniale Ordnung in Afrika zu sichern, an deren Durchsetzung die USA und ihre Verbündeten arbeiten. In vielfacher Hinsicht dreht sich die militärische Intervention in Libyen genau darum. […] Die USA und ihre Alliierten formulieren nicht nur eine neue Strategie zur Aufrechterhaltung und Vertiefung ihrer Kontrolle über Afrika, sondern sie arbeiten daran, China und seine Verbündeten aus Afrika zu vertreiben. Die USA und viele Staatsmächte der EU haben China über Jahre nervös beobachtet. China hat sich viele zentrale Zugänge nach Afrika verschafft und ist dort ein strategischer und wirtschaftlicher Hauptrivale und Herausforderer gegenüber den USA und Westeuropa.

Nach dem Tod Gaddafis wird sich nun zeigen, ob Libyen einen wahren Aufstand des Volkes gegen seinen Despoten erlebt hat oder ob die scheinbare Revolution nur eine weitere Maßnahme des Westens war, die Vorherrschaft in Afrika zu sichern. Immerhin besteht die Chance, diesen Zielen eine Absage zu erteilen und die immensen fossilen Ressourcen zum Aufbau eines selbstbestimmten libyschen Staates zu nutzen. Wahrscheinlich wird es aber anders kommen: Libyen könnte zum Brückenkopf der imperialen Politik des Westens auf dem afrikanischen Kontinent ausgebaut werden, und womöglich wird schon bald ein neuer Diktator ebenso vom Westen hofiert werden, wie einst Gaddafi, Mubarak, Saddam Hussein und viele mehr.

Der Globalstaat, ein erstrebenswertes Ziel?

Zum gegenwärtig herrschenden Begründungsaufwand für verschiedene Modelle eines Weltstaats (oder supranationaler Zusammenschlüsse) steht die Begründungs- verweigerung für die Verabschiedung des demokratischen Nationalstaats in auffälligem Gegensatz.

Mit dieser bemerkenswerten Diagnose beginnt die Politikwissenschaftlerin Ingeborg Maus einen Aufsatz mit dem ebenso bemerkenswerten Titel „Vom Nationalstaat zum Globalstaat oder: der Niedergang der Demokratie“.

Fast 10 Jahre später erscheinen ihre warnenden Worte heute aktueller denn je. Forciert durch die längst nicht überwundene Finanz- und Wirtschaftskrise, für die der Steuerzahler wider Willen haften muss und nicht zuletzt durch die anhaltende globale Bedrohung des Lebensraumes durch den ungezügelten Raubbau an der Natur stehen Diskussionen um eine „Neue Weltordnung“ und einen „Weltstaat“ verstärkt auf der politischen Agenda…

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