Archive for the 'Elite' Category

Wie die Freimaurer die westlichen Werte erfanden

jaeger_grossen orientÜber das Wirken der Freimaurerei hinter den Fassaden der Politik hüllt sich die deutsche Presse gemeinhin in Schweigen. In Frankreich geht man weitaus freizügiger mit dem Thema um. Dort treten Größen der Politik ganz selbstverständlich als Redner bei Veranstaltungen z.B. des Grand Orient auf, der einflussreichen französischen Großloge. Sucht man in der deutschen Presselandschaft kritische Informationen über die Freimaurer, dann kann man sie am ehesten bei deren traditionellem Erzfeind finden: der katholischen Kirche. So lässt die papsttreue Nachrichtenseite katholisches.info verlautbaren, dass rund ein Drittel der Minister unter dem französischen Staatspräsidenten François Hollande Freimaurer sind. Unversöhnlich steht die Kirche den geheimbündlerischen Machenschaften der Logen gegenüber, seit ihr diese die Deutungshoheit über den Wertekanon des Abendlandes entrissen haben. Bis heute gelten die „fünf Grundpfeiler der Freimaurerei“, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität, wie selbstverständlich als ewig gültige westliche Werte, in deren Namen auch Krieg und Folter gegen sogenannte „Feinde der Menschlichkeit“ gerechtfertigt werden.

Lorenz Jäger, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, hat 2009 ein Buch veröffentlicht mit dem Titel „Hinter dem Großen Orient. Freimaurerei und Revolutionsbewegungen“. Darin spannt er einen weiten Bogen von der Französischen Revolution bis in die Gegenwart, liefert biographische Skizzen und wagt einen tiefen Blick hinter die Kulissen der revolutionären Bewegungen. Die Säkularisierung ohne die Freimaurer zu begreifen, hieße, sie gleichsam als naturgesetzliches Wirken misszuverstehen. In Wahrheit strebten die Logen zielstrebig einen Fundamentalumbau der westlichen Zivilisation an, beginnend mit der Verweltlichung der christlichen Moral. So konstatiert Jäger:

Es handelte sich im achzehnten Jahrhundert darum, Religion durch Moral zu ersetzen. Die Frömmigkeit wurde privat, öffentlich wurde die „Tugend“. (14)

Was die Französische Revolution sich auf die Fahnen schrieb und was fortan den Grundstock der „westlichen Werte“ bilden sollte, findet sich vorformuliert in den exklusiven Zirkeln der Logen.

Habermas hat den Logengedanken bündig formuliert: „Die soziale Gleichheit war zunächst nur als eine Gleichheit außerhalb des Staates möglich.“ Indem sie, jedenfalls dem Programm nach, keine Konfession ausschlossen, waren die Freimaurer für humanitär-universalistische Ideen offen. (15)

Doch diese Werte galt es auch innerhalb des Staates zu etablieren, nachdem die traditionellen beseitigt wären. Als ein staatenübergreifendes Netzwerk boten die Logen Revolutionären unterschiedlichster Nationalität und Gesinnung die Möglichkeit, miteinander in Kommunikation zu treten:

Im neunzehnten Jahrhundert bestanden zwischen den Protagonisten der radikalen, republikanischen, demokratischen und sozialistischen Bewegungen einerseits und den Freimaurern andererseits enge Beziehungen. Sieht man es von der Seite der Politisch-Oppositionellen her, die meist auch scharf antiklerikal eingestellt waren, dann bot die internationale Gemeinschaft der Freimaurer eine europaweite, bis nach Rußland reichende Infrastruktur der Kommunikation, die ihnen die Kontaktaufnahme zu möglichen Sympathisanten, sei es in Italien, in Polen, in Frankreich oder in Großbritannien, erlaubte. (22)

Die berühmte Parole „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ deckte genau wie die präferierten politischen Ausrichtungen der revolutionären Akteure ein hohes Maß an Deutungsspielraum ab:

„Freiheit“ konnte Liberalismus bedeuten und, durch das Geheimnis geschützt, auch Anarchismus. „Gleichheit“ konnte für Rechtsstaatlichkeit und für gleiches demokratisches Wahlrecht stehen oder für Sozialismus; „Brüderlichkeit“ für nationale Solidarität der Republik, oder für eine frühe Form der globalistischen Ideologie […] oder für die Bruderkette der Eingeweihten selbst. Dieses Schillern ist die Freimaurerei des neunzehnten Jahrhunderts. Vom fortschrittlichen Bürgertum bis weit in die Linke hinein vereinigt sie die Kader der Republik. (22)

Für Jäger steht es außer Frage, dass die Freimaurer eine immense Bedeutung für die Koordinierung revolutionärer Umstürze besessen haben:

Die Freimaurerei diente den Revolutionsbewegungen teils als Rekrutierungsraum, teils als Kommunikationsnetzwerk; manchmal als Rückzugsbasis und manchmal als Versteck, als Stützpunkt legaler Deckung. Nirgendwo hat sich wie in Frankreich, und von dort ausgehend dann auch in den anderen Ländern der Romania, der Zusammenhang von Ideologie der Republik, Antiklerikalismus und Freimaurerei so deutlich hergestellt. (24)

Am Ende des Buches wagt es Jäger, die mögliche Absicht hinter den freimaurerischen Bestrebungen, einen revolutionären Wandel der Gesellschaft herbeizuführen, zu erahnen, sowie die Gefahren abzuschätzen:

Alle Tendenzen, die wir beobachtet haben, kommen in der Vorstellung der Emanzipation, der „Befreiung“ überein. Zieht man die Linien des freimaurerischen Gedankens aus, dann steht am Ende die völlig autonom gewordene Menschheit. Aber zugleich wäre sie dann unausweichlich einer geheimen Leitung unterworfen, einem verschwiegenen Kreis, zu dessen innersten Lehren kein Uneingeweihter Zugang haben darf, der durch eine Omertà nach Außen [sic!] geschützt wäre und die Erforschung seiner Soziologie proskribieren könnte. (136)

Diese Befreiung ist folglich belastet durch einen gravierenden Mangel. Mittels ihrer heimlichen Steuerung aus den abgeschirmten Kreisen der Logen heraus überführt sie die Staaten in eine neue Form des Totalitarismus:

Man hätte, in äußerster Konsequenz, eine Herrschaftsform, gegen die gehalten vielleicht selbst die historischen Totalitarismen verblassen würden. Die Souveränität einzelner Staaten wäre beschränkt durch einen „Völkerbund“, den schon Georg Forster antizipierte. Der kirchliche Einfluß, der noch über den sowjetisch bestimmten Kommunismus siegte, wäre vollends ausgeschaltet; die Gemeinschaften in Individuen atomisiert. Damit wäre die Möglichkeit der Resistenz zunichte gemacht. (136)

In den meisten Geschichtsbüchern werden die „westlichen Werte“ als Errungenschaft der Aufklärung bezeichnet. Doch man kann sie ebenso gut „freimaurerische Werte“ nennen, zumal die einflussreichsten Vertreter der Aufklärung Freimaurer waren. Spätestens die nachweislich auf Lügen basierenden Kriege der USA gegen Afghanistan und den Irak im Namen ebendieser „Werte“ neben zahlreichen weiteren „humanitären Interventionen“ sollten Zweifel aufkommen lassen. Fahrlässig werden hehre Ideale dafür instrumentalisiert, Terror und Krieg zu verbreiten. Tatsächlich befindet sich die „westliche Wertegemeinschaft“ in einer tiefen Vertrauenskrise. Es ist höchste Zeit, die Mächte hinter der Macht in Augenschein zu nehmen.

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Die amerikanische Notenbank Federal Reserve wird 100 Jahre alt

district-of-columbia-federal-reserve-bank-historyAuf den Tag genau vor 100 Jahren, einen Tag vor Heiligabend, unterschrieb Präsident Woodrow Wilson den Federal Reserve Act. Nach mehreren gescheiterten Anläufen gelang es damit einem Konsortium von Bankern, die Kontrolle über die US-Währung in private Hände zu bekommen. Seither hat der US-Dollar 95% seines damaligen Wertes verloren.

Vergeblich versuchten mehrere US-Präsidenten die Einführung eines Zentralbanksystems zu verhindern. So schrieb Thomas Jefferson 1816 an John Taylor:

Ich bin fest davon überzeugt, dass Banken gefährlicher sind als stehende Armeen und dass das Prinzip ständiger Verschuldung und Geldausgabe im Namen der ‚Finanzierung‘, das von der Nachwelt bezahlt werden muss, nichts weiter ist als großdimensionierter Betrug an der Zukunft. Wenn das amerikanische Volk es den Banken erlaubt, die Ausgabe ihres Geldes zu kontrollieren, zuerst durch Inflation, dann durch Deflation, dann werden die Banken und Konzerne, die um diese Banken heranwachsen, den Menschen ihren ganzen Besitz wegnehmen, bis ihre Kinder obdachlos aufwachen auf dem Kontinent, den ihre Väter erobert haben. Sie [die Banker] haben bereits eine Geldaristokratie geschaffen. Die Macht, Geld auszugeben, sollte den Banken weggenommen und dem Volk zurückgegeben werden, in dessen Hände sie eigentlich gehört.

Nachdem die „Second Bank of the United States„, eine Zentralbank nach Vorbild der Bank of England, genau wie bereits die „First Bank of the United States„, wegen Verfassungsbedenken geschlossen wurde, richtete US-Präsident Andrew Jackson 1832 warnende Worte an die Zentralbanker:

Gentlemen, ich habe Sie über einen langen Zeitraum beobachtet und bin überzeugt, dass Sie die Gelder der Bank dazu mißbraucht haben, mit der Speisekammer des Landes herumzuspekulieren. Haben Sie gewonnen, dann haben Sie die Gewinne unter sich aufgeteilt. Haben Sie aber verloren, dann haben Sie die Verluste der Bank in Rechnung gestellt. Sie behaupten, sollte ich die Bank auflösen, würde ich zehntausend Familien ruinieren. Das mag stimmen, Gentlemen, aber das ist Ihre Schuld! Sollte ich Sie aber gewähren lassen, werden Sie fünfzigtausend Familien ruinieren, und das wäre dann meine Sünde! Sie sind eine Grube voller Giftschlangen und Diebe, und ich werde Sie ausmerzen!

Im Jahre 1913 gelang es William und John D. Rockefeller, J. P. Morgan, Paul Warburg und anderen einflussreichen Bankern, ihren Plan einer mächtigen privaten US-Zentralbank in die Tat umzusetzen, nachdem sie Woodrow Wilson durch  Wahlkampfgelder ins Präsidentenamt verholfen hatten. Seither stolperte die Federal Reserve von einer Fehlleistung in die nächste. Patrick Welter schreibt in der F.A.S.:

Während der Großen Depression in den dreißiger Jahren war die Meinung unter den Fed-Mitgliedern weit verbreitet, dass die Geldpolitik gegen die Wirtschaftskrise machtlos sei. „Mit billigem und im Überfluss vorhandenen Kredit glauben wir nicht, dass die wirtschaftliche Erholung beschleunigt wird, indem man den Kredit billiger und noch reichlicher macht”, argumentierte ein Fed-Vertreter 1930.

[…]

Die Stimmung der Machtlosigkeit zog sich durch die Fed-Debatten der dreißiger Jahre, vermischt in den späteren Jahren mit der Sorge, dass eine monetäre Expansion die Inflation verschärfen würde, obwohl die Wirtschaft erst mühsam eine Erholung begonnen hatte. Im Ergebnis ließ eine passive Fed zunächst den drastischen Verfall der Geldmenge zu, der die Wirtschaft weiter in den Abgrund stürzte. Später straffte die Zentralbank die Geldpolitik zu schnell, was zu einer zweiten Rezession führte.

Auch während der zweiten großen Fehlleistung der Federal Reserve, der großen Inflation in den siebziger Jahren, vertraute sie ihrer eigenen Geldpolitik nicht mehr. „Selbst eine lange Zeitspanne der hohen und steigenden Arbeitslosigkeit mag nicht ausreichen, um den Inflationsprozess in den Griff zu bekommen”, erklärte der Fed-Vorsitzende Arthur Burns 1971 in einer Anhörung vor dem Kongress.

[…]

Vor der [derzeitigen] Krise glaubten die Notenbanker um Alan Greenspan und Ben Bernanke, sie könnten die schädlichen Folgen eines Verfalls der Hauspreise ausgleichen. Auch während der Krise – und eingedenk der Erfahrungen der dreißiger Jahre – schien das Vertrauen der Notenbanker groß, mit einer aggressiven geldpolitischen Lockerung den Kollaps des Finanzsystems verhindern zu können. In bemerkenswerter Parallele zu den dreißiger Jahren aber zeigen manche der Fed-Notenbanker zunehmend die begrenzten Möglichkeiten der Geldpolitik auf, zum Teil mit analogen Argumenten wie ihre Vorgänger. Der regionale Fed-Präsident von Dallas, Richard Fisher, stellt etwa in Frage, warum die Fed noch mehr monetäre Liquidität bereitstellen solle, wenn doch schon genügend davon brach liege. Andere mahnen, dass der jahrelange Nullzins zu neuen Fehllenkungen am Kapitalmarkt führe. Auch könne ein zu später und zu langsamer Ausstieg aus der quantitativen Lockerung, dem Ankauf überwiegend von Staatsanleihen, in der Zukunft einen Inflationsschub auslösen.

Selbst die Ermordung John F. Kennedys wird häufig mit seiner Ablehnung des Federal Reserve Systems in Verbindung gebracht. So verfügte dieser mit der „Executive Order 11110„, eine silbergedeckte Währung vom Department of Treasury auszugeben. Nach seiner Erschießung hob sein Nachfolger Lyndon B. Johnson die Order auf und zog die inzwischen 4,2 Milliarden „United States Notes“ wieder aus dem Verkehr.

Wenngleich der US-Dollar alias Federal Reserve Note noch immer die Weltleitwährung darstellt, ist es erstaunlich ruhig um dieses Jubiläum. Geheimnisse ranken sich um die Federal Reserve, Theorien um eine Verschwörung der Hochfinanz blühen seit langem schon. Einen Grund zum Jubeln stellt dieses Jubiläum mit Sicherheit nicht dar, viel mehr Anlass zu dringenden Fragen über die Macht der Banken und die Ohnmacht der Staaten. Woodrow Wilson konstatierte nach der Unterzeichnung des Federal Reserve Act, als ihm die Tragweite des Gesetzes dämmerte:

Ich bin ein höchst unglücklicher Mann. Unwissentlich habe ich mein Land ruiniert. Eine große Industrienation wird kontrolliert von ihrem Kreditsystem. Dieses System ist hochkonzentriert. Das Wachstum der Nation und alle unsere Aktivitäten befinden sich in den Händen einiger weniger Menschen. Wir haben uns zu einer der am schlechtesten geführten, am meisten überwachten und beherrschten Regierungen der zivilisierten Welt entwickelt. Unsere Regierung ist nicht länger eine der freien Meinung und Willensbildung, nicht länger eine Regierung der Überzeugungen sowie der Stimmen der Mehrheit. Sie steht unter der Meinung und Herrschaft einer kleinen Gruppe.

 

Weiterführende Links:

100 Jahre Federal Reserve System – Geschichte eines Machtmonsters

Der chauvinistische Kreuzzug des Neoliberalismus

Vor etwa 80 Jahren schickte sich ein Zirkel von Ökonomen an, die Freiheit der Wirtschaft von staatlichem Einfluss zu erzwingen. Sie verstanden ihr Bemühen als Kreuzzug und handelten im Namen einer höheren Macht, nämlich der „unsichtbaren Hand“ des Marktes. Zur wichtigsten Bastion dieser Marktradikalen entwickelte sich die „Chicagoer Schule des Monetarismus“, wo sich um den Nobelpreisträger Milton Friedman eine Jüngerschar zusammenfand, um jeglicher Form von staatlichem Interventionismus den Kampf anzusagen. Sie waren die Speerspitzen des Neoliberalismus, jener ökonomischen Ideologie, die inzwischen fast den ganzen Erdball erobert hat…

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Propaganda global: Wie wir auf die Neue Weltordnung vorbereitet werden

Viel wird im Netz über die „Neue Weltordnung“ (NWO) spekuliert, Horrorszenarien eines Weltfaschismus und globalen Polizeistaats entworfen. Doch was ist dran an solchen Befürchtungen? Bei der arglosen Lektüre des „Weltatlas & Länderlexikon“ (Tandem-Verlag, 2008) bin ich gestern fast vom Hocker gefallen, so explizit bereitet uns das harmlos daherkommende Buch propagandistisch auf die schöne neue Welt vor. Das im Jahr 2000 in der Originalausgabe im Verlag Ransom House Australia („Geographica’s World Reference. Over 1.000 pages of global information“) erschienene Nachschlagewerk beruft sich u. a. auf das „CIA World Fact Book“. Allein das sollte zu denken geben. Im folgenden möchte ich einige Auszüge präsentieren, die das hohe manipulative Potential des Buches aufzeigen.

Der Nationalstaat als Auslaufmodell

In knappen Kapiteln wird der Leser über die groben Entwicklungen informiert, die zur Welt geführt haben, wie wir sie kennen. Doch immer wieder wird in Prognosen in die Zukunft geschaut. So sei beispielsweise der Nationalstaat inzwischen ein Auslaufmodell:

Am Anfang des 21. Jh. werden sie [die Nationalstaaten] in ihrer Bedeutung aber durch supranationale Staatengruppen abgelöst sein, da viele bezweifeln, dass Nationalstaaten noch in der Lage sind, die Probleme innerhalb ihrer Grenzen zu lösen und mit Machtfaktoren umzugehen, die von regionaler oder globaler Bedeutung sind. (S. 192f.)

Dabei spielt die Europäische Union eine zentrale Rolle:

Manche sehen in der EU den Anfang vom Ende des territorialen Nationalstaats, so wie wir ihn kennen. Vielleicht erweist sich die Entwicklung in Europa einmal mehr als wegweisend. (S. 195)

Folgerichtig belehrt uns das Buch im Anschluss über die internationalen Organisationen, die seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gegründet wurden, allen voran die UN und der IWF. Rund 500 staatliche und nochmals 5000 nichtstaatliche würden inzwischen existieren. Und trotzdem äußert der Autor harsche Kritik an den Vereinten Nationen:

Zeitweise wirken sie wie eine machtlose, handlungsunfähige Institution und gleichen eher einer Diskussionsrunde der Großmächte als dem von manchen ihrer Mitglieder angestrebten „Weltparlament“. (S. 197)

Die Ursachen sind schnell ausgemacht: nationale Egoismen und eine chronische Unterfinanzierung. Auch ein Lösungsvorschlag lässt nicht lange auf sich warten, wird aber erstaunlich unkommentiert an das Ende des Kapitels gestellt:

Zu Beginn des 21. Jh. steht die Idee der Gründung einer Weltregierung zwar noch im Raum, hat aber deutlich an Dringlichkeit verloren. (S. 198)

Globalisierung ist vollkommene Verwandlung

Energisch ausgeholt wird dann in der anschließenden knappen Behandlung des Themas Globalisierung, die zunächst mit einer Definition beginnt:

Globalisierung bezeichnet die Änderung des Maßstabs menschlicher Prozesse und Aktivitäten, wie sie im letzten Vierteljahrhundert vor sich ging – dabei werden Aufgabenbereiche des Staats globalen Organisationen übertragen. (S. 200)

Hier erfahren wir auch von den Motoren der Globalisierung, nämlich den multinationalen Konzernen, von denen die „moderne globale Wirtschaft“ gesteuert werde. Mal wieder wagt der Autor einen Blick in die Zukunft. Eigentlich seien diese Konzerne noch nicht global, da sie sich auf Märkte und Aktionäre im Heimatland konzentrierten, doch werde

der Begriff global in Wirtschaftskreisen bereits weitgehend verwendet, um eine Handlungsebene zu bezeichnen, die die meisten Firmen in absehbarer Zukunft anstreben. Dazu gehören eine internationale Belegschaft, Aktionäre in mehreren Staaten und Produktverkäufe auf allen Märkten weltweit. (S. 201)

Eine Prognose schließt sich an, die uns eine völlige Veränderung vorhersagt:

Viele Experten sind der Ansicht, dass die Globalisierung die Weltwirtschaft im 21. Jahrhundert vollkommen verwandeln wird, bis es keine nationalen Produkte mehr gibt, keine nationalen Firmen, keine nationalen Industrien, ja keine nationalen Wirtschaften. (S. 201f.)

Der globale Mensch

Mit ähnlich drastischen Worten, die an Suggestivität kaum zu überbieten sind, wird eine soziale Veränderung und eine künftige Zweiklassengesellschaft vorausgesagt:

Beim Erfolg auf dem weltweiten Markt sind die einzelnen Staaten vollkommen auf die Fähigkeiten ihrer Bewohner angewiesen, und sie werden gegen starke externe Kräfte anzukämpfen haben, die eine sich ständig verbreiternde Kluft zwischen einem qualifizierten, global denkenden Bevölkerungsteil und einer wachsenden ungebildeten, „weltfremden“ Unterschicht schaffen können. (S. 202)

Die Globalisierung fordert gleichsam einen „Neuen Menschen“, der global denkt, sofern er nicht zur „weltfremden“ Unterschicht gehören will. Als pikante Note sei erwähnt, dass „Globalisierung“ den letzten Abschnitt bildet im Oberkapitel „Mensch und Welt“. Indem dieses mit der „Evolution des Menschen“ beginnnt, lässt das Buch die Menschheit in zwingender Konsequenz in die globale Ordnung als ihrem geschichtlichen Ziel münden.

Wohlgemerkt sind es die Konzerne, deren globale Vernetzungsstrukturen die ebenso globale Transformation der Staatengebilde zur Folge haben sollen. Kritische Fragen werden vom Autor klar entschieden:

Führt die Globalisierung z. B. zur kulturellen Homogenität? Hier gehen die Meinungen stark auseinander. Viel deutet darauf hin, dass sich derzeit eine globale Kultur entwickelt. (S. 203)

Gänzlich bezeichnend ist die Art, wie uns die Globalisierung als alternativlos dargestellt und die etablierten globalisierungskritischen Organisationen wie Attac mit keinem Wort erwähnt werden. Deren Rolle nimmt eine andere bekannte Gruppe ein:

Andererseits gibt es auch Bewegungen, die sich der globalen Homogenisierung widersetzen – z. B. die Fundamentalisten aller religiösen Gemeinschaften. (S. 203)

Globalisierungsgegner werden demnach als weltfremde Idioten oder religiöse Fundamentalisten stigmatisiert. Wie als Warnung schließt das Kapitel mit dem Satz:

Ob man es nun schätzt oder fürchtet: Die Globalisierung wird sich vermutlich als Schlüsselprozess des 21. Jh. erweisen. (S. 203)

Der Politiker als Volksversteher? Wie der Lobbyismus eine Politik der Lüge erzeugt

Aus aktueller Lektüre möchte ich einen Aufsatz des Trend- und Zukunftsforschers Matthias Horx vorstellen. Unter dem Titel „Lobbies und Seilschaften regieren“ widmet er sich der Frage, ob Politiker ehrlich sein müssen. Vor dem Hintergrund der nicht in Erfüllung gegangenen „geistig-politischen Wende“, die uns Helmut Kohl einst verprochen hatte, vermutet er einen Machtverlust der Politik zugunsten der „Basisdemokratie“. Was zunächst paradox klingt, gewinnt an Plausibilität, indem Horx auf das „Handbuch des öffentlichen Lebens“ verweist, das jährlich auf 1200 Seiten Kontaktadressen sämtlicher deutscher Institutionen auflistet.

Der Verband deutscher Zoodirektoren. Die Deutsche Kakteen-Vereinigung. Der Interessenverband Hydraulik und Hydroakustik. Die Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz im Ausland. Der Arbeitsring Lärmbekämpfung. Der Verband deutscher Kerzenhersteller. […]

Die unterschiedlichen Charaktere, die heute das politische Geschäft bestellen, müssen laut Horx alle auf ihre Weise diesen breitgefächerten Interessenvertretern gerecht werden – auf Kosten politischer „Inhalte“.

Politik, so spüren wir, wenn wir den politischen Zirkus aus den hinteren Zuschauerreihen betrachten, wird immer mehr zu einer Veranstaltung, die einer Modenschau gleicht, einem Variete mit Zauber- und Luftnummern [für] die Menge. Politiker vertreten heute immer weniger eherne Prinzipien und Ideologien, sie vermitteln, repräsentieren, symbolisieren Lebensstile, psychologische Grundmuster.

Und diese Grundmuster, so argumentiert er, seien „Muster, die die Wähler wiedererkennen, in denen sie sich selbst erkennen im Politiker“. Die Macht der Politiker erschöpfe sich angesichts der mächtigen Lobbyistenverbände in einem Ausbalancieren der mannigfaltigen Interessen unter Ausschluss der Ehrlichkeit gegenüber den Wählern.

Hier kommt offensichtlich derjenige Politiker am besten ins Spiel, der innerlich gleichsam leer ist und bei dem folgerichtig Lüge und Wahrheit verschwimmen.

Horx fürchtet unterdessen angesichts der verbreiteten Klage über die Unehrlichkeit der Politiker mehr den Ruf nach einem autoritären Staat als die Folgen einer Politik, die lediglich die „kybernetisch maximale Anpassungsleistung“ vom Politiker fordert.

Vor lauter Geschrei nach der „Wahrheit“ wird die schlichte Wahrheit vergessen, daß die moderne demokratische Gesellschaft ein Kaleidoskop aus Wünschen und Begehren, Beharrungsvermögen und Kräftebalancen ist, die durch all das, was so lautstark gefordert wird – Entschlossenheit, Aufräumen, In-den-Griff-Kriegen -, zerstört werden müßte. Hoffen wir, daß der Ruf nach „Führung“ ungehört verhallt.

Literatur: Matthias Horx: Lobbies und Seilschaften regieren, in: Opfer der Macht. Müssen Politiker ehrlich sein?, hg. von Peter Kemper, Frankfurt/M./Leipzig 1993, S. 234-244

Stupidität – Grundkategorie der Politik

Der 2001 verstorbene Soziologe Dietmar Kamper hat uns mit einer Kategorie der Politik bekannt gemacht, die ihr wohl so mancher ohne Zögern attestieren würde: Stupidität. Das politische Geschäft verlange es heute, dass dessen Akteure zwischen Reflexion und Aktion peinlichst genau trennten.

Wer Macht haben und behalten will, braucht ein tägliches Desensibilisierungstraining. Beschränktheit zum Zwecke des Handelns fordert Abwehr jeglichen Zweifels, erst Recht der Verzweifelung.

Kamper sieht gar ein Auseinanderbrechen von Politik und Intelligenz vollzogen, so dass die politische Bühne heute von Stereotypen mit ähnlich gelagerter „Stupidität“ bespielt werde, als da wären:

gewiefte Schauspieler und vergeßliche Funktionäre und schlecht simulierende Normalbürger, deren einstudierte Posen trotz Routine durchsichtig bleiben, und Bürokraten, die sich ihre Rhetorik von der Kanzel geliehen haben, und gewinnende Populisten, die sogar ihr Charisma noch als Maske zu benutzen wissen.

Im Gegensatz zur schlichten Dummheit, die z. B. der Ignoranz gegenüber besserem Wissen geschuldet ist, sei die Stupidität eine Verfeinerung.

Während die Dummheit noch Züge eines Vermögens trug, das sie für ein Handeln nach Zweck-Mittel-Relationen tauglich machte, besteht das Resultat stupider Macht in nichts anderem als im Verfehlen ihres Zieles, was dann mit allen Mitteln der Inszenierung vertuscht wird. So verausgabt sich die neueste Politik [1993] längst in der sorgsamen Verheimlichung dessen, daß Politik im alten Verstande nicht mehr stattfindet. Der Vollzug der Macht ist die Kaschierung einer fundamentalen Leere.

Die Argumentation Kampers diagnostiziert unserer Zeit katastrophische Züge, so dass sich im politischen Handeln letztlich eine psychologische Gegenstrategie angesichts des Unvermeidbaren äußere.

Was zu viel ist, zu gewaltig, zu groß oder komplex, provoziert – so betrachtet – ritualisierte Gegenwehr, die mittels normierender oder normalisierender Maßnahmen auf Dauer gestellt werden soll.

Somit neige die Stupidität zur Aufgabe jeglicher Intelligenz mit der Folge eines panischen und „wildgewordenen“ Handelns.

Das Wort stupide ist mit stupor verwandt und bezeichnet einen Zustand, in dem die Menschen entweder starr werden vor Schrecken oder aus Angst in der leerlaufenden Wiederholung der Simulation versinken.

Mit hoher Präzision vermag es Kamper, in die Niederungen der stupiden Psyche vorzudringen, die seiner Überzeugung nach in manischer Selbsttäuschung permanent an der Identitätsbildung durch „lebenslängliche Selbstinszenierung“ arbeitet.

Die Menschen werden genötigt, zum Schauspieler, ja zum Regisseur ihres Lebens zu werden, wenn sie sich am gesellschaftlichen Leben beteiligen wollen. […] Der ensprechende Habitus muss erlernt, auf Dauer gestellt und in automatisierter Funktionalität geübt werden.

Solcherart gelinge es dem stupiden Menschen, die Täuschung zum Authentischen zu erheben. Mit entsprechenden Folgen für die Politik, denn

nicht daß der Politiker lügt, ist das Problem im Zeitalter der Simulation, sondern daß er jederzeit glaubt, was er sagt, wenn er lügt, und daß das Gesagte das Einzige ist, was für ihn – gegen alle Vernunft – zählt, und daß er weiß, daß es schließlich außerhalb der machtgestützten Sage überhaupt nichts anderes gibt.

Die Politik gleiche deshalb in ihrem Unvermögen angemessenen Handelns einem

„Chaos-Generator“. Die Kunst des Möglichen produziert eine Unmöglichkeit nach der anderen.

Oder mit den Worten Umberto Ecos:

Für jedes komplexe Problem gibt es eine einfache Lösung, und die ist die falsche.

Komplexitätsreduzierung wird jedoch auf der politischen Bühne zumindest versprochen, und das mit nicht unerheblichen Gefahren:

Was Wunder, daß im Spürsinn für das Schieflaufen der Moderne alte und neue Fundamentalisten Konjunktur haben. Diese erheben gewissermaßen die allenthalben entstandene Dummheit zum Prinzip. Sie verzehren in regressiven Träumen die Stupidität ihrer Anhänger und entlasten sie von den Nöten der Komplexität.

Leider sieht Kamper kaum einen realistischen Ausweg aus dem Dilemma, sondern nur zwei Lösungen. Die wahrscheinliche sei die Fortsetzung der Stupidität, die unwahrscheinliche dagegen

die Öffnung der Politik für das Unmögliche, die einem Verzicht auf Macht gleichkommt.

Fortsetzung der Stupidität hieße aber, die Weltpolitik „durch die Vortäuschung, Ersetzung, Auflösung und Löschung von Realität“ ins Chaos zu stürzen, eine drohende Katastrope ohne Entkommen. Fast apokalyptisch schlussfolgert er:

Der beherrschende Glaube an den Mehrwert, der Kapitalismus, hat bald keine Alternative mehr. Das wird ihn unaufhaltsam in die Simulation treiben mit all den kenntlich gemachten paradoxalen Konsequenzen. […] In der grenzenlosen Welt der Spekulation, in der Immanenz des Imaginären wird er sich erschöpfen. Mit Krisen wurde er spielend fertig; er brauchte sie zum Überleben. Katastrophen sind dagegen außerhalb seiner Kompetenz.

Literatur: Dietmar Kamper: Stupidität. Über politische Dummheit heute, in: Opfer der Macht. Müssen Politiker ehrlich sein?, hg. von Peter Kemper, Frankfurt/M./Leipzig 1993, S. 112-124


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