Archive for the 'Buchtipp' Category

Wie die Freimaurer die westlichen Werte erfanden

jaeger_grossen orientÜber das Wirken der Freimaurerei hinter den Fassaden der Politik hüllt sich die deutsche Presse gemeinhin in Schweigen. In Frankreich geht man weitaus freizügiger mit dem Thema um. Dort treten Größen der Politik ganz selbstverständlich als Redner bei Veranstaltungen z.B. des Grand Orient auf, der einflussreichen französischen Großloge. Sucht man in der deutschen Presselandschaft kritische Informationen über die Freimaurer, dann kann man sie am ehesten bei deren traditionellem Erzfeind finden: der katholischen Kirche. So lässt die papsttreue Nachrichtenseite katholisches.info verlautbaren, dass rund ein Drittel der Minister unter dem französischen Staatspräsidenten François Hollande Freimaurer sind. Unversöhnlich steht die Kirche den geheimbündlerischen Machenschaften der Logen gegenüber, seit ihr diese die Deutungshoheit über den Wertekanon des Abendlandes entrissen haben. Bis heute gelten die „fünf Grundpfeiler der Freimaurerei“, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität, wie selbstverständlich als ewig gültige westliche Werte, in deren Namen auch Krieg und Folter gegen sogenannte „Feinde der Menschlichkeit“ gerechtfertigt werden.

Lorenz Jäger, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, hat 2009 ein Buch veröffentlicht mit dem Titel „Hinter dem Großen Orient. Freimaurerei und Revolutionsbewegungen“. Darin spannt er einen weiten Bogen von der Französischen Revolution bis in die Gegenwart, liefert biographische Skizzen und wagt einen tiefen Blick hinter die Kulissen der revolutionären Bewegungen. Die Säkularisierung ohne die Freimaurer zu begreifen, hieße, sie gleichsam als naturgesetzliches Wirken misszuverstehen. In Wahrheit strebten die Logen zielstrebig einen Fundamentalumbau der westlichen Zivilisation an, beginnend mit der Verweltlichung der christlichen Moral. So konstatiert Jäger:

Es handelte sich im achzehnten Jahrhundert darum, Religion durch Moral zu ersetzen. Die Frömmigkeit wurde privat, öffentlich wurde die „Tugend“. (14)

Was die Französische Revolution sich auf die Fahnen schrieb und was fortan den Grundstock der „westlichen Werte“ bilden sollte, findet sich vorformuliert in den exklusiven Zirkeln der Logen.

Habermas hat den Logengedanken bündig formuliert: „Die soziale Gleichheit war zunächst nur als eine Gleichheit außerhalb des Staates möglich.“ Indem sie, jedenfalls dem Programm nach, keine Konfession ausschlossen, waren die Freimaurer für humanitär-universalistische Ideen offen. (15)

Doch diese Werte galt es auch innerhalb des Staates zu etablieren, nachdem die traditionellen beseitigt wären. Als ein staatenübergreifendes Netzwerk boten die Logen Revolutionären unterschiedlichster Nationalität und Gesinnung die Möglichkeit, miteinander in Kommunikation zu treten:

Im neunzehnten Jahrhundert bestanden zwischen den Protagonisten der radikalen, republikanischen, demokratischen und sozialistischen Bewegungen einerseits und den Freimaurern andererseits enge Beziehungen. Sieht man es von der Seite der Politisch-Oppositionellen her, die meist auch scharf antiklerikal eingestellt waren, dann bot die internationale Gemeinschaft der Freimaurer eine europaweite, bis nach Rußland reichende Infrastruktur der Kommunikation, die ihnen die Kontaktaufnahme zu möglichen Sympathisanten, sei es in Italien, in Polen, in Frankreich oder in Großbritannien, erlaubte. (22)

Die berühmte Parole „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ deckte genau wie die präferierten politischen Ausrichtungen der revolutionären Akteure ein hohes Maß an Deutungsspielraum ab:

„Freiheit“ konnte Liberalismus bedeuten und, durch das Geheimnis geschützt, auch Anarchismus. „Gleichheit“ konnte für Rechtsstaatlichkeit und für gleiches demokratisches Wahlrecht stehen oder für Sozialismus; „Brüderlichkeit“ für nationale Solidarität der Republik, oder für eine frühe Form der globalistischen Ideologie […] oder für die Bruderkette der Eingeweihten selbst. Dieses Schillern ist die Freimaurerei des neunzehnten Jahrhunderts. Vom fortschrittlichen Bürgertum bis weit in die Linke hinein vereinigt sie die Kader der Republik. (22)

Für Jäger steht es außer Frage, dass die Freimaurer eine immense Bedeutung für die Koordinierung revolutionärer Umstürze besessen haben:

Die Freimaurerei diente den Revolutionsbewegungen teils als Rekrutierungsraum, teils als Kommunikationsnetzwerk; manchmal als Rückzugsbasis und manchmal als Versteck, als Stützpunkt legaler Deckung. Nirgendwo hat sich wie in Frankreich, und von dort ausgehend dann auch in den anderen Ländern der Romania, der Zusammenhang von Ideologie der Republik, Antiklerikalismus und Freimaurerei so deutlich hergestellt. (24)

Am Ende des Buches wagt es Jäger, die mögliche Absicht hinter den freimaurerischen Bestrebungen, einen revolutionären Wandel der Gesellschaft herbeizuführen, zu erahnen, sowie die Gefahren abzuschätzen:

Alle Tendenzen, die wir beobachtet haben, kommen in der Vorstellung der Emanzipation, der „Befreiung“ überein. Zieht man die Linien des freimaurerischen Gedankens aus, dann steht am Ende die völlig autonom gewordene Menschheit. Aber zugleich wäre sie dann unausweichlich einer geheimen Leitung unterworfen, einem verschwiegenen Kreis, zu dessen innersten Lehren kein Uneingeweihter Zugang haben darf, der durch eine Omertà nach Außen [sic!] geschützt wäre und die Erforschung seiner Soziologie proskribieren könnte. (136)

Diese Befreiung ist folglich belastet durch einen gravierenden Mangel. Mittels ihrer heimlichen Steuerung aus den abgeschirmten Kreisen der Logen heraus überführt sie die Staaten in eine neue Form des Totalitarismus:

Man hätte, in äußerster Konsequenz, eine Herrschaftsform, gegen die gehalten vielleicht selbst die historischen Totalitarismen verblassen würden. Die Souveränität einzelner Staaten wäre beschränkt durch einen „Völkerbund“, den schon Georg Forster antizipierte. Der kirchliche Einfluß, der noch über den sowjetisch bestimmten Kommunismus siegte, wäre vollends ausgeschaltet; die Gemeinschaften in Individuen atomisiert. Damit wäre die Möglichkeit der Resistenz zunichte gemacht. (136)

In den meisten Geschichtsbüchern werden die „westlichen Werte“ als Errungenschaft der Aufklärung bezeichnet. Doch man kann sie ebenso gut „freimaurerische Werte“ nennen, zumal die einflussreichsten Vertreter der Aufklärung Freimaurer waren. Spätestens die nachweislich auf Lügen basierenden Kriege der USA gegen Afghanistan und den Irak im Namen ebendieser „Werte“ neben zahlreichen weiteren „humanitären Interventionen“ sollten Zweifel aufkommen lassen. Fahrlässig werden hehre Ideale dafür instrumentalisiert, Terror und Krieg zu verbreiten. Tatsächlich befindet sich die „westliche Wertegemeinschaft“ in einer tiefen Vertrauenskrise. Es ist höchste Zeit, die Mächte hinter der Macht in Augenschein zu nehmen.

Sigmund Freud und die Werbeindustrie

gmelin_coverSeit Sigmund Freud 1890 die Psychoanalyse entwickelt hatte, kamen seine Erkenntnisse über die menschliche Psyche zumeist anderen Interessen als medizinischen zugute. Einer der Freud’schen Erben ist die Werbeindustrie. Sie entwickelte Strategien, die menschliche Triebnatur als einen Motor der Profitmaximierung auszunutzen. Dafür wurden eigens Trieblisten und Instinkt-Katalolge ausgearbeitet, anhand derer die Werbung je nach gewünschter Zielgruppe die beste Angriffstaktik entwickeln konnte. Otto F. Gmelin hat sich dieser Thematik in seinem 1975 erschienenen Buch „Anti-Freud. Freuds Folgen in der bildenden Kunst und Werbung“ angenommen. Kurz und prägnant nennt er die stärkste Waffe aller Werbestrategen:

Waren werden über sexuelle Versprechen symbolisch vermittelt.

Zugrunde liegt die Auffassung, dass der Mensch kulturbedingt seine Triebe nur rudimentär ausleben kann. Die Warenwelt, der Konsum, bieten ihm beinahe grenzenlose Ersatzbefriedigungen. Gmelin nennt es

programmierte Koitusumleitung über Markenartikel. Güter und Produkte erscheinen „zwischengeschaltet“ zwischen Trieb und Triebziel, treten an seine Stelle. […] Der Konsumaspekt der Sexualität steht in Relation zum kulturspezifisch erzeugten Mangel  der Bedürfnisbefriedigung.

Im Interesse der Absatzsteigerung forderten Industrielle damals präzise Erklärungsmodelle für menschliches Verhalten. Als „angewandte Sozialtechnik“ zielt die Werbeindustrie auf eine größtmögliche Kopplung von Triebbedürfnissen und Bildsymbolen an Waren. Zugleich werden durch die Werbung idealtypische Rollenmuster vermittelt, die den gewünschten Konsumenten gleichsam zu formen beabsichtigen. In einer Marketing-Studie von 1967 erfolgten die Rollenzuweisungen innerhalb einer „Nestwärme-Strategie“:

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Zugrunde liegt die Annahme, dass der Konsument seinen Lebensentwurf am Bestreben einer Erhaltung der „Nestwärme“ ausrichtet. Teil dieser Strategie ist das (möglichst eheliche) Zusammenleben von Frau uns Mann im eigenen Heim. Während der Mann für den Broterwerb sorgt, sehnt sich die Frau nach materieller Sicherheit. Dieses Modell gefällt nicht nur der Industrie, sondern auch dem Staat, denn jede Form von Protest und Gesellschaftskritik gilt unter diesen Bedingungen als gering ausgeprägt.

Mangelhaft ausgeprägt ist alles, was Selbstentfremdung durch Produkte aufheben und Beweglichkeit fördern könnte.

Schon damals wurden Kinder und Jugendliche als wichtige Zielgruppe der Werbung erkannt. Sie sind weitaus anfälliger für Werbebotschafen als Erwachsene, da sie sich in einer labilen Phase der Persönlichkeitsentwicklung befinden und Rollenmuster deshalb bereitwilliger übernehmen. Gmelin schildert das Vorgehen:

Sobald das Kind Geld hat – die 10-19jährigen geben heute Milliardenbeträge aus -, werden die vorhandenen Leitbilder der Kauf-Zielgruppen ermittelt, d.h. repräsentative Schlüsselbegriffe, die positiv besetzt (bewertet) sind. Dann wird Ware mit Bedürfnis gestalt-, farb-, symbol- usw. -psychologisch assoziiert. Aufgrund der empirischen Testergebnisse werden Produktion und Konsum identisch gemacht, mittels Symbol- und Medienstreuung „optimiert“.

Die Relation zwischen Freud’scher Psychoanalyse und Werbeindustrie lässt sich wohl ohne Übertreibung wie folgt bewerten: Letztere hat die Absichten ersterer mutwillig in ihr Gegenteil verkehrt. Anstatt den Menschen zu heilen, ist dessen kulturbedingte Schwäche systematisch und skrupellos ausgenutzt worden.

Werbung – imperative, appellative, übertriebene, schein-reale, gefühlsbetonte, romantische, emotionale, unterschwellige, informative, aufklärerische – hat keine sozialtherapeutische oder emanzipatorische Aufgabe; ihr Grundcharakter ist Überredung und Manipulation.

Zwar hat schon in den 70er Jahren der Gesetzgeber der Werbeindustrie Grenzen gesetzt – so wurde schon damals z.B. Tabakwerbung im Fernsehen verboten -, doch insgeheim dürfte auch der Staat immer ein großes Interesse an der Formung eines konsumorientierten Menschen besessen haben. Denn die mittels der Werbung propagierten Rollen- und Gesellschaftsideale hatten einen immensen systemstabilisierenden Nutzen, besonders angesichts der damaligen Herausforderungen durch eine rebellierende und nach Emanzipation strebenden Jugend.

Zum Tod von Stéphane Hessel: Eine Leseprobe

hesselGestern ist bedauerlicherweise Stéphane Hessel verstorben. Bekannt wurde er vor allem mit seinem 2010 erschienen Essay „Empört euch!“. Warum hat der hochbetagte Hessel noch mit 93 Lebensjahren zur Empörung aufgerufen? Er wusste genau, welchen Wert die Empörung gegen unmenschliche Zustände besitzt und welche Kraft ihr innewohnt. Während der deutschen  Besatzung Frankreichs ging er in die Résistance, wurde von der Gestapo verhaftet und gefoltert, nach Buchenwald und Dora deportiert, schließlich gelang ihm die Flucht. Nach dem Krieg wirkte Hessel mit am Verfassen der UN-Charta der Menschenrechte. Zeit seines Lebens wirkte er für bessere Lebensbedingungen v.a. der Menschen in der Dritten Welt.

Vor drei Jahren veröffentlichte Hessel dann sein Essay „Empört euch!“, das weltweit rund 2 Millionen mal verkauft wurde. Für alle, die es nicht gelesen haben, möge diese Leseprobe einen Einblick gewähren.

Schon zu Beginn erinnert Hessel an die Grundsätze, die 1944 von Vertretern der Résistance verfasst wurden:

Das Gemeinwohl sollte über dem Interesse des Einzelnen stehen, die gerechte Verteilung des in der Arbeitswelt geschaffenen Wohlstandes über der Macht des Geldes. „Eine rationelle Wirtschaftsverfassung, in der die Individualinteressen dem Allgemeininteresse untergeordnet sind, ohne Diktatur der Sachzwänge nach dem Vorbild faschistischer Staaten“ – dies als Auftrag an die provisorische Regierung der Republik. (S. 8)

Diese Grundsätze seien heute außer Kraft gesetzt, der Sozialstaat gelte als unbezahlbar. Warum?

Doch nur deshalb, weil die Macht des Geldes – die so sehr von der Résistance bekämpft wurde – niemals so groß, so anmaßend, so egoistisch war wie heute, mit Lobbyisten bis in die höchsten Ränge des Staates. […] Noch nie war der Tanz um das goldene Kalb – Geld, Konkurrenz – so entfesselt. (S. 9)

So fordert er die gesamte Gesellschaft auf, sich nicht kleinkriegen zu lassen „von der internationalen Diktatur der Finanzmärkte“.

Den Willen der Siegermächte des Zweiten Weltkrieges, die Ideale der Résistance ernsthaft umzusetzen, stellt er in Zweifel:

So konnten wir versuchen, diese Werte gegen jene Siegermächte durchzusetzen, die ihre Zustimmung zu ihnen bloß heuchelten und gar nicht die Absicht hatten, sie loyal umzusetzen. (S. 14)

Hessel spricht auch den Nahostkonflikt an und geht mit der Politik Israels hart ins Gericht. Er verweist auf den Gaza-Bericht Richard Goldstones von 2009:

In ihm klagt dieser südafrikanische Richter, selber Jude und bekennender Zionist, die israelische Armee an, während ihrer dreiwöchigen Operation „Gegossenes Blei“ Akte begangen zu haben, „die mit Kriegsverbrechen und vielleicht, unter bestimmten Umständen, mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit vergleichbar sind“. (S. 16)

Der Spirale der Gewalt setzt Hessel die Hoffnung auf Gewaltlosigkeit entgegen. So habe Sartre kurz vor seinem Tod erklärt:

Man muss zu erklären versuchen, warum die gegenwärtige Welt, die schrecklich ist, nur ein Augenblick im langen geschichtlichen Ablauf ist, dass die Hoffnung immer schon eine der großen Triebfedern der Revolutionen und Aufstände war, und wie sehr spüre ich noch, dass die Hoffnung meine Vorstellung von der Zukunft ist.“ (S. 18)

Schließlich kehrt er zum grassierenen Problem unserer Gegenwart zurück, den Zumutungen und Gefahren der neoliberalen Ideologie:

Das im Westen herrschende materialistische Maximierungsdenken hat die Welt in eine Krise gestürzt, aus der wir uns befreien müssen. Wir müssen radikal mit dem Rausch des „Immer noch mehr“ brechen, in dem die Finanzwelt, aber auch Wissenschaft und Technik die Flucht nach vorn angetreten haben.“ (S. 19f.)

So schließt Hessel sein Essay mit der Forderung, den Zorn über die Ungerechtigkeit nicht schwinden zu lassen.

Und so rufen wir weiterhin auf zu „einem wirklichen, friedlichen Aufstand gegen die Massenkommunikationsmittel, die unserer Jugend keine andere Perspektive bieten als den Massenkonsum, die Verachtung der Schwächsten und der Kultur, den allgemeinen Gedächtnisschwund und die maßlose Konkurrenz aller gegen alle.“ […] „Neues schaffen heißt Widerstand leisten. Widerstand leisten heißt Neues schaffen.“

Propaganda global: Wie wir auf die Neue Weltordnung vorbereitet werden

Viel wird im Netz über die „Neue Weltordnung“ (NWO) spekuliert, Horrorszenarien eines Weltfaschismus und globalen Polizeistaats entworfen. Doch was ist dran an solchen Befürchtungen? Bei der arglosen Lektüre des „Weltatlas & Länderlexikon“ (Tandem-Verlag, 2008) bin ich gestern fast vom Hocker gefallen, so explizit bereitet uns das harmlos daherkommende Buch propagandistisch auf die schöne neue Welt vor. Das im Jahr 2000 in der Originalausgabe im Verlag Ransom House Australia („Geographica’s World Reference. Over 1.000 pages of global information“) erschienene Nachschlagewerk beruft sich u. a. auf das „CIA World Fact Book“. Allein das sollte zu denken geben. Im folgenden möchte ich einige Auszüge präsentieren, die das hohe manipulative Potential des Buches aufzeigen.

Der Nationalstaat als Auslaufmodell

In knappen Kapiteln wird der Leser über die groben Entwicklungen informiert, die zur Welt geführt haben, wie wir sie kennen. Doch immer wieder wird in Prognosen in die Zukunft geschaut. So sei beispielsweise der Nationalstaat inzwischen ein Auslaufmodell:

Am Anfang des 21. Jh. werden sie [die Nationalstaaten] in ihrer Bedeutung aber durch supranationale Staatengruppen abgelöst sein, da viele bezweifeln, dass Nationalstaaten noch in der Lage sind, die Probleme innerhalb ihrer Grenzen zu lösen und mit Machtfaktoren umzugehen, die von regionaler oder globaler Bedeutung sind. (S. 192f.)

Dabei spielt die Europäische Union eine zentrale Rolle:

Manche sehen in der EU den Anfang vom Ende des territorialen Nationalstaats, so wie wir ihn kennen. Vielleicht erweist sich die Entwicklung in Europa einmal mehr als wegweisend. (S. 195)

Folgerichtig belehrt uns das Buch im Anschluss über die internationalen Organisationen, die seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gegründet wurden, allen voran die UN und der IWF. Rund 500 staatliche und nochmals 5000 nichtstaatliche würden inzwischen existieren. Und trotzdem äußert der Autor harsche Kritik an den Vereinten Nationen:

Zeitweise wirken sie wie eine machtlose, handlungsunfähige Institution und gleichen eher einer Diskussionsrunde der Großmächte als dem von manchen ihrer Mitglieder angestrebten „Weltparlament“. (S. 197)

Die Ursachen sind schnell ausgemacht: nationale Egoismen und eine chronische Unterfinanzierung. Auch ein Lösungsvorschlag lässt nicht lange auf sich warten, wird aber erstaunlich unkommentiert an das Ende des Kapitels gestellt:

Zu Beginn des 21. Jh. steht die Idee der Gründung einer Weltregierung zwar noch im Raum, hat aber deutlich an Dringlichkeit verloren. (S. 198)

Globalisierung ist vollkommene Verwandlung

Energisch ausgeholt wird dann in der anschließenden knappen Behandlung des Themas Globalisierung, die zunächst mit einer Definition beginnt:

Globalisierung bezeichnet die Änderung des Maßstabs menschlicher Prozesse und Aktivitäten, wie sie im letzten Vierteljahrhundert vor sich ging – dabei werden Aufgabenbereiche des Staats globalen Organisationen übertragen. (S. 200)

Hier erfahren wir auch von den Motoren der Globalisierung, nämlich den multinationalen Konzernen, von denen die „moderne globale Wirtschaft“ gesteuert werde. Mal wieder wagt der Autor einen Blick in die Zukunft. Eigentlich seien diese Konzerne noch nicht global, da sie sich auf Märkte und Aktionäre im Heimatland konzentrierten, doch werde

der Begriff global in Wirtschaftskreisen bereits weitgehend verwendet, um eine Handlungsebene zu bezeichnen, die die meisten Firmen in absehbarer Zukunft anstreben. Dazu gehören eine internationale Belegschaft, Aktionäre in mehreren Staaten und Produktverkäufe auf allen Märkten weltweit. (S. 201)

Eine Prognose schließt sich an, die uns eine völlige Veränderung vorhersagt:

Viele Experten sind der Ansicht, dass die Globalisierung die Weltwirtschaft im 21. Jahrhundert vollkommen verwandeln wird, bis es keine nationalen Produkte mehr gibt, keine nationalen Firmen, keine nationalen Industrien, ja keine nationalen Wirtschaften. (S. 201f.)

Der globale Mensch

Mit ähnlich drastischen Worten, die an Suggestivität kaum zu überbieten sind, wird eine soziale Veränderung und eine künftige Zweiklassengesellschaft vorausgesagt:

Beim Erfolg auf dem weltweiten Markt sind die einzelnen Staaten vollkommen auf die Fähigkeiten ihrer Bewohner angewiesen, und sie werden gegen starke externe Kräfte anzukämpfen haben, die eine sich ständig verbreiternde Kluft zwischen einem qualifizierten, global denkenden Bevölkerungsteil und einer wachsenden ungebildeten, „weltfremden“ Unterschicht schaffen können. (S. 202)

Die Globalisierung fordert gleichsam einen „Neuen Menschen“, der global denkt, sofern er nicht zur „weltfremden“ Unterschicht gehören will. Als pikante Note sei erwähnt, dass „Globalisierung“ den letzten Abschnitt bildet im Oberkapitel „Mensch und Welt“. Indem dieses mit der „Evolution des Menschen“ beginnnt, lässt das Buch die Menschheit in zwingender Konsequenz in die globale Ordnung als ihrem geschichtlichen Ziel münden.

Wohlgemerkt sind es die Konzerne, deren globale Vernetzungsstrukturen die ebenso globale Transformation der Staatengebilde zur Folge haben sollen. Kritische Fragen werden vom Autor klar entschieden:

Führt die Globalisierung z. B. zur kulturellen Homogenität? Hier gehen die Meinungen stark auseinander. Viel deutet darauf hin, dass sich derzeit eine globale Kultur entwickelt. (S. 203)

Gänzlich bezeichnend ist die Art, wie uns die Globalisierung als alternativlos dargestellt und die etablierten globalisierungskritischen Organisationen wie Attac mit keinem Wort erwähnt werden. Deren Rolle nimmt eine andere bekannte Gruppe ein:

Andererseits gibt es auch Bewegungen, die sich der globalen Homogenisierung widersetzen – z. B. die Fundamentalisten aller religiösen Gemeinschaften. (S. 203)

Globalisierungsgegner werden demnach als weltfremde Idioten oder religiöse Fundamentalisten stigmatisiert. Wie als Warnung schließt das Kapitel mit dem Satz:

Ob man es nun schätzt oder fürchtet: Die Globalisierung wird sich vermutlich als Schlüsselprozess des 21. Jh. erweisen. (S. 203)

Der Politiker als Volksversteher? Wie der Lobbyismus eine Politik der Lüge erzeugt

Aus aktueller Lektüre möchte ich einen Aufsatz des Trend- und Zukunftsforschers Matthias Horx vorstellen. Unter dem Titel „Lobbies und Seilschaften regieren“ widmet er sich der Frage, ob Politiker ehrlich sein müssen. Vor dem Hintergrund der nicht in Erfüllung gegangenen „geistig-politischen Wende“, die uns Helmut Kohl einst verprochen hatte, vermutet er einen Machtverlust der Politik zugunsten der „Basisdemokratie“. Was zunächst paradox klingt, gewinnt an Plausibilität, indem Horx auf das „Handbuch des öffentlichen Lebens“ verweist, das jährlich auf 1200 Seiten Kontaktadressen sämtlicher deutscher Institutionen auflistet.

Der Verband deutscher Zoodirektoren. Die Deutsche Kakteen-Vereinigung. Der Interessenverband Hydraulik und Hydroakustik. Die Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz im Ausland. Der Arbeitsring Lärmbekämpfung. Der Verband deutscher Kerzenhersteller. […]

Die unterschiedlichen Charaktere, die heute das politische Geschäft bestellen, müssen laut Horx alle auf ihre Weise diesen breitgefächerten Interessenvertretern gerecht werden – auf Kosten politischer „Inhalte“.

Politik, so spüren wir, wenn wir den politischen Zirkus aus den hinteren Zuschauerreihen betrachten, wird immer mehr zu einer Veranstaltung, die einer Modenschau gleicht, einem Variete mit Zauber- und Luftnummern [für] die Menge. Politiker vertreten heute immer weniger eherne Prinzipien und Ideologien, sie vermitteln, repräsentieren, symbolisieren Lebensstile, psychologische Grundmuster.

Und diese Grundmuster, so argumentiert er, seien „Muster, die die Wähler wiedererkennen, in denen sie sich selbst erkennen im Politiker“. Die Macht der Politiker erschöpfe sich angesichts der mächtigen Lobbyistenverbände in einem Ausbalancieren der mannigfaltigen Interessen unter Ausschluss der Ehrlichkeit gegenüber den Wählern.

Hier kommt offensichtlich derjenige Politiker am besten ins Spiel, der innerlich gleichsam leer ist und bei dem folgerichtig Lüge und Wahrheit verschwimmen.

Horx fürchtet unterdessen angesichts der verbreiteten Klage über die Unehrlichkeit der Politiker mehr den Ruf nach einem autoritären Staat als die Folgen einer Politik, die lediglich die „kybernetisch maximale Anpassungsleistung“ vom Politiker fordert.

Vor lauter Geschrei nach der „Wahrheit“ wird die schlichte Wahrheit vergessen, daß die moderne demokratische Gesellschaft ein Kaleidoskop aus Wünschen und Begehren, Beharrungsvermögen und Kräftebalancen ist, die durch all das, was so lautstark gefordert wird – Entschlossenheit, Aufräumen, In-den-Griff-Kriegen -, zerstört werden müßte. Hoffen wir, daß der Ruf nach „Führung“ ungehört verhallt.

Literatur: Matthias Horx: Lobbies und Seilschaften regieren, in: Opfer der Macht. Müssen Politiker ehrlich sein?, hg. von Peter Kemper, Frankfurt/M./Leipzig 1993, S. 234-244

Stupidität – Grundkategorie der Politik

Der 2001 verstorbene Soziologe Dietmar Kamper hat uns mit einer Kategorie der Politik bekannt gemacht, die ihr wohl so mancher ohne Zögern attestieren würde: Stupidität. Das politische Geschäft verlange es heute, dass dessen Akteure zwischen Reflexion und Aktion peinlichst genau trennten.

Wer Macht haben und behalten will, braucht ein tägliches Desensibilisierungstraining. Beschränktheit zum Zwecke des Handelns fordert Abwehr jeglichen Zweifels, erst Recht der Verzweifelung.

Kamper sieht gar ein Auseinanderbrechen von Politik und Intelligenz vollzogen, so dass die politische Bühne heute von Stereotypen mit ähnlich gelagerter „Stupidität“ bespielt werde, als da wären:

gewiefte Schauspieler und vergeßliche Funktionäre und schlecht simulierende Normalbürger, deren einstudierte Posen trotz Routine durchsichtig bleiben, und Bürokraten, die sich ihre Rhetorik von der Kanzel geliehen haben, und gewinnende Populisten, die sogar ihr Charisma noch als Maske zu benutzen wissen.

Im Gegensatz zur schlichten Dummheit, die z. B. der Ignoranz gegenüber besserem Wissen geschuldet ist, sei die Stupidität eine Verfeinerung.

Während die Dummheit noch Züge eines Vermögens trug, das sie für ein Handeln nach Zweck-Mittel-Relationen tauglich machte, besteht das Resultat stupider Macht in nichts anderem als im Verfehlen ihres Zieles, was dann mit allen Mitteln der Inszenierung vertuscht wird. So verausgabt sich die neueste Politik [1993] längst in der sorgsamen Verheimlichung dessen, daß Politik im alten Verstande nicht mehr stattfindet. Der Vollzug der Macht ist die Kaschierung einer fundamentalen Leere.

Die Argumentation Kampers diagnostiziert unserer Zeit katastrophische Züge, so dass sich im politischen Handeln letztlich eine psychologische Gegenstrategie angesichts des Unvermeidbaren äußere.

Was zu viel ist, zu gewaltig, zu groß oder komplex, provoziert – so betrachtet – ritualisierte Gegenwehr, die mittels normierender oder normalisierender Maßnahmen auf Dauer gestellt werden soll.

Somit neige die Stupidität zur Aufgabe jeglicher Intelligenz mit der Folge eines panischen und „wildgewordenen“ Handelns.

Das Wort stupide ist mit stupor verwandt und bezeichnet einen Zustand, in dem die Menschen entweder starr werden vor Schrecken oder aus Angst in der leerlaufenden Wiederholung der Simulation versinken.

Mit hoher Präzision vermag es Kamper, in die Niederungen der stupiden Psyche vorzudringen, die seiner Überzeugung nach in manischer Selbsttäuschung permanent an der Identitätsbildung durch „lebenslängliche Selbstinszenierung“ arbeitet.

Die Menschen werden genötigt, zum Schauspieler, ja zum Regisseur ihres Lebens zu werden, wenn sie sich am gesellschaftlichen Leben beteiligen wollen. […] Der ensprechende Habitus muss erlernt, auf Dauer gestellt und in automatisierter Funktionalität geübt werden.

Solcherart gelinge es dem stupiden Menschen, die Täuschung zum Authentischen zu erheben. Mit entsprechenden Folgen für die Politik, denn

nicht daß der Politiker lügt, ist das Problem im Zeitalter der Simulation, sondern daß er jederzeit glaubt, was er sagt, wenn er lügt, und daß das Gesagte das Einzige ist, was für ihn – gegen alle Vernunft – zählt, und daß er weiß, daß es schließlich außerhalb der machtgestützten Sage überhaupt nichts anderes gibt.

Die Politik gleiche deshalb in ihrem Unvermögen angemessenen Handelns einem

„Chaos-Generator“. Die Kunst des Möglichen produziert eine Unmöglichkeit nach der anderen.

Oder mit den Worten Umberto Ecos:

Für jedes komplexe Problem gibt es eine einfache Lösung, und die ist die falsche.

Komplexitätsreduzierung wird jedoch auf der politischen Bühne zumindest versprochen, und das mit nicht unerheblichen Gefahren:

Was Wunder, daß im Spürsinn für das Schieflaufen der Moderne alte und neue Fundamentalisten Konjunktur haben. Diese erheben gewissermaßen die allenthalben entstandene Dummheit zum Prinzip. Sie verzehren in regressiven Träumen die Stupidität ihrer Anhänger und entlasten sie von den Nöten der Komplexität.

Leider sieht Kamper kaum einen realistischen Ausweg aus dem Dilemma, sondern nur zwei Lösungen. Die wahrscheinliche sei die Fortsetzung der Stupidität, die unwahrscheinliche dagegen

die Öffnung der Politik für das Unmögliche, die einem Verzicht auf Macht gleichkommt.

Fortsetzung der Stupidität hieße aber, die Weltpolitik „durch die Vortäuschung, Ersetzung, Auflösung und Löschung von Realität“ ins Chaos zu stürzen, eine drohende Katastrope ohne Entkommen. Fast apokalyptisch schlussfolgert er:

Der beherrschende Glaube an den Mehrwert, der Kapitalismus, hat bald keine Alternative mehr. Das wird ihn unaufhaltsam in die Simulation treiben mit all den kenntlich gemachten paradoxalen Konsequenzen. […] In der grenzenlosen Welt der Spekulation, in der Immanenz des Imaginären wird er sich erschöpfen. Mit Krisen wurde er spielend fertig; er brauchte sie zum Überleben. Katastrophen sind dagegen außerhalb seiner Kompetenz.

Literatur: Dietmar Kamper: Stupidität. Über politische Dummheit heute, in: Opfer der Macht. Müssen Politiker ehrlich sein?, hg. von Peter Kemper, Frankfurt/M./Leipzig 1993, S. 112-124


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