Totalüberwachung = totale Kontrolle = Totalitarismus

das netzWenngleich wir seit den Enthüllungen Edward Snowdens regelmäßig über die Zumutungen verfassungswidriger Überwachung durch US-amerikanische, britische und deutsche Geheimdienste informiert werden, wurde in der Presse nur selten Substanzielles darüber geschrieben. Das bequeme Märchen über die Terrorabwehr mag glauben wer will. Sogar der ansonsten so kritische Cicero legt eine erschreckende Naivität und Ahnungslosigkeit an den Tag, wenn er den Überwachungsgegnern großer Leitmedien wie der FAZ gar einen neuen gefährlichen anti-amerikanischen Konservatismus nachsagt und die Internetkonzerne gegen jeglichen Angriff in Schutz nimmt:

Die Internet-Konzerne haben keinen Welteroberungsplan. Sie planen keinen „neuen Menschen“, höchstens neue Umsätze und Marktanteile. Man kann ihnen vielleicht Naivität, extremen kapitalistischen Pragmatismus und Technikfetischismus vorwerfen, aber sicher keine ideologische Verblendung. Sie sind, ganz einfach, neugierig auf das, was mit Technik noch alles möglich sein wird und wie man damit Geld verdienen kann. […]

Neugierig zu sein und zu bleiben ist aber der Motor von Erkenntnis und gesellschaftlicher Entwicklung. Es ist der erklärte Auftrag der Aufklärung, neue Technologien zu nutzen und sozial zu strukturieren, um sie in den Dienst der Neugierde zu stellen. Das Netz ist eine Maschine des Staunens. Und als solches sollte es gesehen und diskutiert werden.

Sollten wir also mit den Staunen erregenden neuen Technologien in blinder Bejahung auch die damit einhergehende Totalüberwachung akzeptieren? Nein, diese Haltung zeugt von einer völligen Unkenntnis der Tatsachen. Auf den Punkt gebracht hat es Sascha Lobo, warum wir eigentlich überwacht werden:

Im beginnenden Kalten Krieg ordneten die westlichen Machtzentren fast alles einer militärischen Logik unter. Eine Ideologie der Kontrolle entstand, eine Pervertierung der Kybernetik. Wenn man aus den Daten der Vergangenheit Verhalten der Zukunft vorhersagen kann, lässt sich die ganze Gesellschaft kybernetisch steuern, indem der Staat mit Anreizen und Sanktionen das berechnete Verhalten beeinflusst. […]

Leider sind weite Teile der Politik und Verwaltung überzeugt davon, dass sowohl Erfolg wie auch Misserfolg die Anwendbarkeit der kybernetischen Gesellschaftssteuerung beweisen. Im Erfolgsfall funktioniert die Methode, im Misserfolgsfall hatte man leider zu wenig Daten. Und braucht deshalb mehr Daten. Also mehr Überwachung.

Das ist der Kern der Totalüberwachung. Es geht um die kybernetische Steuerung der Gesellschaft, um Kontrolle.

Zwar ist die Kybernetik inzwischen zu einer Metawissenschaft aufgestiegen, von der kaum eine Disziplin unberührt ist. Dennoch bleibt es den meisten Menschen aufgrund völliger Unkenntnis verborgen, mit welchem totalitären Anspruch unaufhaltsam die Welt und der Mensch gleichermaßen systemkonform, das heißt steuerbar, gemacht werden.

Im folgenden möchte ich einen hervorragenden Film zum Thema Kybernetik und Überwachung empfehlen. Vor gut zehn Jahren hat der Dresdner Kunstprofessor Lutz Dammbeck die Dokumentation „Das Netz“ gedreht. Dort begibt er sich ins amerikanische Epizentrum der 68er-Revolte und enthüllt die Zusammenhänge von Hippies, LSD und Computertechnologie. Der eigentliche Motor dieses soziokulturellen Versuchslabors waren vom Militär finanzierte Forschungen, die auf die Schaffung eines „neuen Menschen“ zielten. Vorgeblich als Reaktion auf die grausamen Folgen des Nationalsozialismus sollte eine Gesellschaft geschaffen werden, die immun gegen jegliche Form von Faschismus ist. Das New Yorker „Institute for Social Research“ schien die Lösung dafür gefunden zu haben. 1950 wurde u.a. von Theodor W. Adorno eine Studie mit dem Titel „Studies in the Authoritarian Personality“ veröffentlicht, das damals umfassendste Sozialprofil einer Gesellschaft. Dammbeck fasst die Ergebnisse zusammen:

Die Ursache [für totalitäres Verhalten] sehen die Autoren in der autoritären Matrix des Menschen, die den Schlüssel zur Psychologie des Faschismus und totalitärer Systeme überhaupt bietet. Diese Matrix bildet sich durch Erziehung und Tradition und ist scheinbar unauflösbar verbunden mit der metaphysischen Vorstellung von einer übernatürlich geschaffenen Natur. […] Um Faschismus und Antisemitismus für immer zu verhindern, scheint es notwendig, die Natur des Menschen und dessen kulturelle Muster so zu verändern, dass diese autoritäre Matrix für immer verschwinden würde. […] Nach dem Gestaltpsychologen Kurt Lewin, einem Mitglied der Macy-Gruppe, müssen dafür zuerst die alten Werte und Gleichgewichte zerstört werden, um die Verhältnisse „flüssig“ zu machen. Dann können neue Werte und Gleichgewichte etabliert werden. Diese müssen dann durch Selbstregulierung dauerhaft befestigt werden, Umerziehung soll in Selbstumerziehung übergehen. Das wird die Welt in eine postnationale, multiethnische Weltgesellschaft ohne festgeschriebene Grenzen verwandeln. Die erforderlichen Werkzeuge und Baupläne für diese neue Weltordnung glaubt die Macy-Gruppe anbieten zu können: neue und schnellere Rechenmaschinen und kybernetische Modellwelten, mit denen alle Bereiche von Wissenschaft, Kultur und Politik kontrollier- und steuerbar erscheinen. Das verspricht auch die Programmierung „neuer Menschen“, antiautoritäre Menschen nach Maß.

Auch wenn Politik, Wissenschaft und Medien davor zurückschrecken, die wahren Gründe für die völlig ausufernde, alle Grenzen von Rechtsstaatlichkeit und demokratischen Grundprinzipien sprengende Totalüberwachung auszusprechen: Dank Edward Snowden wird mit jahrzehntelanger Verspätung ein öffentlicher Diskurs geführt werden müssen. Ein Diskurs über einen Geheimdienst- und Militärapparat, der im Verborgenen agiert, um auf schändliche Weise ganze Bevölkerungen zu belügen, auszuhorchen und mit Krieg und Terror zu bedrohen. Das Ziel war niemals die Verhinderung von Faschismus oder Fundamentalismus. Vielmehr ist das Ziel eine neue Form von Totalitarismus, in der Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Medien zu einem Machtinstrument ungeahnten Ausmaßes verschmelzen. Die Zahl derer mag heute noch gering sein, die das System kybernetischer Massenkontrolle zu erkennen bereit sind. Dank Snowden und anderen mutigen Menschen, die solche von Staaten begangene Verbrechen aufdecken, werden wir aber mehr und mehr Klarheit gewinnen.

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