Jenseits des Schleiers (1)

Gut zwei Jahrhunderte nachdem die säkulare Wissenschaft begonnen hat, dem Menschen der westlichen Zivilisation seine Welt zu entzaubern und den Fortschritt zu predigen, begegnen wir heute einer neuen Form des Unglaubens. Scharenweise verlieren Menschen den Glauben an den Schleier der modernen Welt, wie er uns in der tösenden und glitzernden Evidenz der Massengesellschaft begegnet, in Straßenverkehr, Kaufhäusern, Kinofilmen, Popkultur, iPhones, Facebook. Genau wie vor 200 Jahren stehen heute wieder Gewissheiten zur Disposition. Gewusst haben wir es irgendwie alle, dass es kein ewiges „Wachstum“ geben kann, dass unser „Wohlstand“ teuer erkauft ist, kurz: dass dieses scheinbar so vernünftige System in Wahrheit unvernünftig ist.

Mehr Unbehagen lösen vielleicht die vielen Widersprüche aus, die in Zeiten der „Krise“ noch deutlicher ins Auge treten. Wie kann ein „freiheitliches“ System seinen „Feinden“ begegnen, indem es die Freiheiten abschafft? Wie kann man von Frieden reden und dennoch Krieg führen? Wie können wir uns als „reiche“ Länder begreifen und doch hochverschuldet sein bis zum drohenden Kollaps? Hinter dem Schleier der Verheißungen von Freiheit, Friede, Demokratie und Wohlstand droht eine unbequeme Wahrheit. Längst hat eine fatale Dynamik die Welt ergriffen, die sich täglich in Wachstumsprognosen, Bilanzen und Börsenkursen niederschlägt. Mit analytischer Kälte wird die Welt wie eine kolossale Maschine betrieben, der wie in Fritz Langs „Metropolis“ gleichsam Menschen zum Opfer gebracht werden.

Je mehr von „Zukunftsfähigkeit“ gesprochen wird, desto klarer wird doch, dass irgendwie die Zukunft zugunsten exponentieller Wachstumskurven und kurzfristiger Profite bereits unwiederbringlich verkauft wurde. Die Maschine folgt einer ehernen Logik. Indem sie wächst und wächst, lassen sich die Unbeirrbaren, die ihre Effizienz täglich steigern, vom Wahnbild blenden, diese Entwicklung sei „alternativlos“. Sind wir nur noch ein willenloses Gefolge, das blind in den Schlund des „Molochs“ getrieben wird? Werden Menschen, Tiere, Pflanzen, ja die ganze Erde schließlich immer gründlicher „verwertet“, damit die Maschine im Zenith ihrer Perfektion in sich zusammenstürzt – weil es nichts mehr gäbe, was sie noch verzehren könnte?

 

Fritz Lang: „Metropolis“, Ausschnitt:

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