Libyen: Gaddafi ermordet, was nun?

Gaddafi ist tot. Über die genauen Umstände seiner Ermordung gibt es allerdings widersprüchliche Aussagen. Handyvideos zeigen verstörende Bilder eines offenbar bereits schwer verletzten Gaddafi, der von Rebellen auf eine Motorhaube gehievt wird. Ein anderes Video zeigt einen wütenden Mob, der auf den über den Boden stolpernden Mann einschlägt. Und noch ein Clip zeigt, wie die Leiche des Ex-Diktators über den Boden gezerrt wird, während auf seinen Kopf eingetreten wird.

Derlei brutale Szenen sind sicherlich nicht im Sinne der Vereinten Nationen, die angeblich zum Schutz der libyschen Zivilbevölkerung am 17. März 2011 die Resolution 1973 verabschiedet hatten. Anfangs wurde zwar beteuert, Ziel sei kein Regimewechsel. Doch dass genau hierin das unausgesprochene Ziel des NATO-Einsatzes bestand, zeigte sich schon bald nach Beginn der Luftangriffe unverhohlen. Wie immer gebärdeten sich die westlichen Mächte als Retter in schwerer Not, während Gaddafi vorgeblich „Krieg gegen das eigene Volk“ führte. Diese Floskel trug maßgeblich dazu bei, dass in der westlichen Hemisphäre der Militäreinsatz als „humanitärer“ akzeptiert wurde. Faktisch handelte es sich mitnichten um einfache Zivilisten, die der Diktator bekämpfen ließ, sondern um bewaffnete Rebellen – ebensolche, die im Irak und in Afghanistan als „Terroristen“ von den USA und ihren Verbündeten gejagt werden.

Sehr viel wahrscheinlicher handelt es sich beim Libyeneinsatz um einen weiteren geostrategischen Schachzug der USA und ihrer Verbündeten. So wurde bereits im Oktober 2007 das United States Africa Command (AFRICOM) als sechstes Regionalkommando der US-Streitkräfte aufgestellt. Weil die USA bis 2015 voraussichtlich 25% ihres Ölbedarfs aus Afrika beziehen werden, erfolgte seit 2002 gezieltes Lobbying, um die amerikanische Militärpräsenz in Afrika zu steigern – besonders im Hinblick auf den aufsteigenden Kontrahenten in der Region: China. Derzeit hat AFRICOM zwar noch seinen Sitz in Stuttgart, doch wäre es kaum verwunderlich, wenn das Regionalkommando bald nach Libyen umziehen würde. Auch ist die Rolle AFRICOMs am Libyeneinsatz unklar. Offiziell haben die USA den Einsatz vom europäischen Kommando EUCOM aus geführt, das zusammen mit der NATO von Admiral James Stavridis geleitet wurde. Doch gehen Analysten davon aus, dass AFRICOM in Geheimdienstaktivitäten eingebunden ist, die bis hin zur Unterstützung der libyschen Rebellen reichen könnten.

US-Regionalkommandos weltweit:

Der kanadische Journalist Mahdi Nazemroaya, der sich seit Ausbruch der Unruhen in Tripolis aufgehalten hat, erkennt in der Strategie der Westmächte klare neokoloniale Bestrebungen:

AFRICOMs Hauptaufgabe ist es, den afrikanischen Kontinent für die USA und ihre Alliierten sicher zu machen. Sein Auftrag ist es, eine neue koloniale Ordnung in Afrika zu sichern, an deren Durchsetzung die USA und ihre Verbündeten arbeiten. In vielfacher Hinsicht dreht sich die militärische Intervention in Libyen genau darum. […] Die USA und ihre Alliierten formulieren nicht nur eine neue Strategie zur Aufrechterhaltung und Vertiefung ihrer Kontrolle über Afrika, sondern sie arbeiten daran, China und seine Verbündeten aus Afrika zu vertreiben. Die USA und viele Staatsmächte der EU haben China über Jahre nervös beobachtet. China hat sich viele zentrale Zugänge nach Afrika verschafft und ist dort ein strategischer und wirtschaftlicher Hauptrivale und Herausforderer gegenüber den USA und Westeuropa.

Nach dem Tod Gaddafis wird sich nun zeigen, ob Libyen einen wahren Aufstand des Volkes gegen seinen Despoten erlebt hat oder ob die scheinbare Revolution nur eine weitere Maßnahme des Westens war, die Vorherrschaft in Afrika zu sichern. Immerhin besteht die Chance, diesen Zielen eine Absage zu erteilen und die immensen fossilen Ressourcen zum Aufbau eines selbstbestimmten libyschen Staates zu nutzen. Wahrscheinlich wird es aber anders kommen: Libyen könnte zum Brückenkopf der imperialen Politik des Westens auf dem afrikanischen Kontinent ausgebaut werden, und womöglich wird schon bald ein neuer Diktator ebenso vom Westen hofiert werden, wie einst Gaddafi, Mubarak, Saddam Hussein und viele mehr.

9 Responses to “Libyen: Gaddafi ermordet, was nun?”


  1. 1 Der erhabene Armleuchter 25. Oktober 2011 um 17:46

    Es bleibt zu hoffen, dass die Libyer sich jetzt keinen Prokonsuln von Amerikas Gnaden vor die Nase setzen lassen.

    Dass die ganze Aktion nur eine Generalprobe für größere Aufgaben war, steht für mich außer Zweifel.

  2. 2 dieblaueneu 25. Oktober 2011 um 18:06

    …der „wahre“ Aufstand des Volkes, … und die Wiedereinführung der Scharia oder wie ???

    Gaggadafi ist selbst schuld, dass er gelyncht wurde. Nichts von dem was er in seinem Grünen Buch versprochen hat, hat er gehalten, ebenso wie die Roten mit ihrem kommun. Manifest.
    Alle haben nur hierachisch/diktaorische MACHRSTRKTUREN aufgebaut mit denen sie ihre politischen ökonomischen und sexuellen Ansprüche durchgesetzt haben.

    Es ist immer das gleiche mit den Macho gesteuerten Despoten, Gaggadafti,Stalin,Putin,Kim Il yung, Ayatollah Khomeni und so weiter.

    Die Libyer wollen schlicht nur eine Zukunft haben, und das bei sich im Land.
    In diesem Bestreben werden verarscht, von der neuen alten Führerriege des Gaggadafi und den Muslimbrüderchen.

    Alles Schrott und wenn die Libyer hetzt nicht aufpassen, bekommen sie den nächsten grande führer, dass hat aber mit den Amis nix zu tun.

  3. 3 Kjeld Lehnsdal 25. Oktober 2011 um 21:36

    Die Amerikaner haben feste Pläne, das Afrika-Kommando von Stuttgart nach Libyen zu verlegen, – Diese Pläne sind 10 Jahre alt, nachdem die Chinesen, – für amerikanische Staats-Geldbeweise, – anfingen Industrien, – Landwirtschaft, – und Grosshandel in Afrika aufzukaufen.

  4. 4 rundertischdgf 27. Oktober 2011 um 16:31

    Zufallsfund im FDP Forum http://forum.fdp-bundesverband.de/read.php?4,1480229,1480738#msg-1480738. Dieser Artikel regt zum Nachdenken an.

  5. 5 Charlie 29. Oktober 2011 um 05:17

    Ich traue der neoliberalen Bande alles zu – wir dürfen auch in Libyen getrost davon ausgehen, dass alles, was geschieht, niemals etwas mit dem „Wohl der Mehrheit“ zu tun hat, denn das geht dieser Bande schlicht am Allerwertesten vorbei. Resourcensicherung und Geopolitik sind die wahrscheinlichsten Gründe für diesen NATO-Krieg – wer andere (humanistische) Motive dahinter vermutet, sollte einen Blick in diesen Guardian-Artikel werfen:

    „If the Libyan war was about saving lives, it was a catastrophic failure“
    http://www.guardian.co.uk/commentisfree/2011/oct/26/libya-war-saving-lives-catastrophic-failure?CMP=twt_gu

    Libyen war bislang in Bezug auf Wohlstand, Frauenrechte und Bildung eines der fortschrittlichsten Länder Afrikas. Ob das nach der „Demokratisierung“ durch NATO-Bomber immer noch so sein wird, ist wohl eine nur rhetorische Frage.

    • 6 Nuntius 29. Oktober 2011 um 09:01

      Was mich immer wieder wundert ist, wie viele Menschen die hohlen Phrasen von „humanitären“ Zielen glauben. Wahrscheinlich, weil sie uns in den Medien immer wieder eingehämmert werden. Die NATO hat in Wahrheit einer revoltierenden, mordenden und folternden Bande Rückendeckung geliefert.

      • 7 Charlie 30. Oktober 2011 um 03:03

        Ja, genau daran liegt’s wohl – die ständig auf uns einprasselnde Propaganda wirkt eben. Leider. Das ist nicht nur im Fall Libyen so, aber da wird es besonders offensichtlich, wenn man die Berichterstattung darüber mal genauer unter die Lupe nimmt. Siehe z.B. hier:

        http://www.sopos.org/aufsaetze/4e58d21fdeda7/1.phtml oder
        http://narrenschiffsbruecke.blogspot.com/search?q=Libyen

        Ich habe schon jetzt Angst davor, welche Gräueltaten aus diesem Krieg da im Nachhinein noch offengelegt werden … und welche jetzt noch alle passieren werden.


  1. 1 Hillary Clinton And The Funding of Al-Qaeda Terrorists In Libya And Syria | Geopolitiker's Blog Trackback zu 5. November 2015 um 06:00
  2. 2 Die Libyen-Lüge | Wächter des Nordens Trackback zu 1. Januar 2016 um 17:35

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