Terrorziel Deutschland: Der geheimnisvolle Monsieur Ibrahim

Seit Tagen schon geht in Deutschland die Terrorangst um. Bundesinnenminister Thomas de Maizière orakelt erstaunlich inhaltsleer über die Gefährdung:

Es gibt Grund zur Sorge, aber nicht zur Hysterie. […] Wir zeigen Stärke, wir lassen uns durch den internationalen Terrorismus weder in unseren Lebensgewohnheiten noch in unserer freiheitlichen Lebenskultur einschränken.

Nach Tagen des medialen Heraufbeschwörens von Angst und Schrecken unter Einschluss politischer Reflexreaktionen wie der Forderung nach schärferer Überwachung und merkwürdig suggestiven Ratschlägen von Experten wie „Lasst euch nicht einschüchtern, zeigt eure Angst nicht!“ bekommen wir inzwischen sogar Informationen zur Bedrohung selbst. So klärt uns Spiegel-Online heute darüber auf, dass der Waffenhändler Dawood Ibrahim als Schleuser zweier Islamisten einer schiitisch-indischen Terrorvereinigung mit Angriffsziel Deutschland ausgemacht worden sei. Die Information soll vom FBI kommen und vom deutschen BKA sehr ernst genommen werden. Dagegen seien CIA, BND und Verfassungsschutz skeptisch. Warum das? Wer ist dieser geheimnisvolle Monsieur Ibrahim?

Er gilt als einer der Hintermänner der Terroranschläge, die sich Ende November 2008 in der indischen Metropole Mumbai ereignet hatten.

So formuliert es besagter Spiegel-Artikel. Unmittelbar nach den Anschlägen galt er noch als deren „mastermind“, wurde in den Medien aber bald schon zum bloßen Hintermann degradiert, während Zaki-ur Rehman seine Rolle übernahm. Warum das? Jeremy R. Hammond vom US-amerikanischen „Foreign Policy Journal“ ist dieser Frage nachgegangen, die ihm umso wichtiger erschien, als der einzige überlebende Attentäter, Ajmal Amir Kasab, eindeutig besagten Ibrahim als Strippenzieher benannt hat. Dem Geständnis nach seien die Terroristen der Gruppe „Lashkar-e-Tayiba“ zunächst vom pakistanischen Karatschi aus mit einem Schiff des Ibrahim, der „MV Alpha“, in See gestochen, um einen indischen Fischcrawler zu entführen, die „Kuber“. Nahe der Küste vor Mumbai seien sie von Gehilfen des Ibrahim in Schlauchbooten ans Ufer gebracht worden.

Schon 1993 trat Dawood Ibrahim als Terrorist in Erscheinung, nachdem er durch Waffen-, Drogen- und Menschenhandel ein Vermögen erworben hatte. Damals kamen bei Bombenexplosionen in Mumbai 250 Menschen ums Leben. Obwohl er von Interpol gesucht wird und in den USA seit 2003 als Terrorist gilt, wird Ibrahim von Pakistans Geheimdienst ISI in Schutz genommen. Warum das? Eines seiner konstanten Betätigungsfelder ist der Drogenschmuggel, dessen Hauptroute von Afhanistan über Pakistan, Iran und die Türkei nach Europa verläuft. Pakistan bildet die wichtigste Durchgangsstation.

Freilich hat der Opiumanbau in Afghanistan eine lange Tradition. Insbesondere durch die von der CIA geformten Mudschaheddin, die während des Sowjetisch-Afghanischen Krieges für die Befreiung Afghanistans kämpften, wurde das Land zum weltweit größten Opiumproduzenten ausgebaut. Die Erlöse gingen in den Aufbau der fanatischen Gotteskrieger-Armee, in der auch Ibrahim kämfte. Auch in der Geldwäsche hat sich Ibrahim damals aktiv engagiert. So hat Yoichi Shimatsu, ehemaliger Redakteur der „Japan Times“, kurz nach den Anschlägen von Mumbai geschrieben, Ibrahim habe mit den USA zusammengearbeitet, um die Finanzierung der Mudschaheddin zu gewährleisten. Um die „dunklen Geheimnisse“ der USA zu bewahren, so vermutet er, würden sie eine Auslieferung an Indien strikt ablehnen.

Der Investigativjournalist Wayne Madsen nennt Ibrahim unter Berufung auf Geheimdienstberichte gar einen CIA-Agenten, dessen Auslieferung unter allen Umständen verhindert werden solle. Doch auch andere Attentäter der Mumbai-Anschläge sollen Verbindungen zur CIA besitzen, so Hafiz Mohammad Saeed, der Gründer von „Lashkar-e-Tayiba“ sowie Maulana Masood Azhar, Gründer von „Jaish-e-Mohammed“. Beide Terrorvereinigungen weisen Verbindungen zum pakistanischen ISI auf. Auch ist bekannt, dass Saeed während des Sowjetisch-Afghanischen Krieges nach Peshawar reiste, um die Mudschaheddin zu unterstützen. Die Stadt diente damals als Basis der CIA, die eng mit dem ISI beim Aufbau der Gotteskrieger-Armee zusammenarbeitete. Ebendort wurde Saeed zum Günstling des Abdullah Azzam, der zusammen mit dem Saudi Osama Bin Laden die Organisation „Maktab al-Khidamat“ gründete. Letztgenannte Terrorvereinigung rekruierte in enger Zusammenarbeit mit CIA und ISI Araber für die Mudschaheddin. Wenngleich die CIA jegliche Verbindungen zu dieser Gruppe abstreitet, so hält es Hammond für sicher, dass der US-Geheimdienst nicht nur von den Operationen Bin Ladens wusste, sondern sie auch befürwortete und unterstützte.

Schließlich vermutet Hammond, dass die Rolle Ibrahims an den Anschlägen von Mumbai deshalb bewusst heruntergespielt worden sei, damit die USA nicht in die Verlegenheit kämen, dessen Auslieferung an Indien fordern zu müssen. Denn dann würden pikante Verstrickungen zwischen der CIA, Terroristen und Drogengeschäften ans Tageslicht kommen.

Nun zurück ins schreckerstarrte Deutschland. In Anbetracht der Enthüllungen durch Hammond wirkt es verständlich, warum CIA, BND und Verfassungsschutz eine Beteiligung Ibrahims an den geplanten Anschlägen in Deutschland anzweifeln. Damit folgen sie einer Strategie der Vertuschung, die offensichtlich die öffentliche Aufmerksamkeit von den kriminellen Machenschaften der Geheimdienste ablenken soll, um uns mit einem einfachen Gut-Böse-Schema abzuspeisen.

1 Response to “Terrorziel Deutschland: Der geheimnisvolle Monsieur Ibrahim”



  1. 1 Bergfreunde Trackback zu 21. November 2010 um 13:28

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