Stupidität – Grundkategorie der Politik

Der 2001 verstorbene Soziologe Dietmar Kamper hat uns mit einer Kategorie der Politik bekannt gemacht, die ihr wohl so mancher ohne Zögern attestieren würde: Stupidität. Das politische Geschäft verlange es heute, dass dessen Akteure zwischen Reflexion und Aktion peinlichst genau trennten.

Wer Macht haben und behalten will, braucht ein tägliches Desensibilisierungstraining. Beschränktheit zum Zwecke des Handelns fordert Abwehr jeglichen Zweifels, erst Recht der Verzweifelung.

Kamper sieht gar ein Auseinanderbrechen von Politik und Intelligenz vollzogen, so dass die politische Bühne heute von Stereotypen mit ähnlich gelagerter „Stupidität“ bespielt werde, als da wären:

gewiefte Schauspieler und vergeßliche Funktionäre und schlecht simulierende Normalbürger, deren einstudierte Posen trotz Routine durchsichtig bleiben, und Bürokraten, die sich ihre Rhetorik von der Kanzel geliehen haben, und gewinnende Populisten, die sogar ihr Charisma noch als Maske zu benutzen wissen.

Im Gegensatz zur schlichten Dummheit, die z. B. der Ignoranz gegenüber besserem Wissen geschuldet ist, sei die Stupidität eine Verfeinerung.

Während die Dummheit noch Züge eines Vermögens trug, das sie für ein Handeln nach Zweck-Mittel-Relationen tauglich machte, besteht das Resultat stupider Macht in nichts anderem als im Verfehlen ihres Zieles, was dann mit allen Mitteln der Inszenierung vertuscht wird. So verausgabt sich die neueste Politik [1993] längst in der sorgsamen Verheimlichung dessen, daß Politik im alten Verstande nicht mehr stattfindet. Der Vollzug der Macht ist die Kaschierung einer fundamentalen Leere.

Die Argumentation Kampers diagnostiziert unserer Zeit katastrophische Züge, so dass sich im politischen Handeln letztlich eine psychologische Gegenstrategie angesichts des Unvermeidbaren äußere.

Was zu viel ist, zu gewaltig, zu groß oder komplex, provoziert – so betrachtet – ritualisierte Gegenwehr, die mittels normierender oder normalisierender Maßnahmen auf Dauer gestellt werden soll.

Somit neige die Stupidität zur Aufgabe jeglicher Intelligenz mit der Folge eines panischen und „wildgewordenen“ Handelns.

Das Wort stupide ist mit stupor verwandt und bezeichnet einen Zustand, in dem die Menschen entweder starr werden vor Schrecken oder aus Angst in der leerlaufenden Wiederholung der Simulation versinken.

Mit hoher Präzision vermag es Kamper, in die Niederungen der stupiden Psyche vorzudringen, die seiner Überzeugung nach in manischer Selbsttäuschung permanent an der Identitätsbildung durch „lebenslängliche Selbstinszenierung“ arbeitet.

Die Menschen werden genötigt, zum Schauspieler, ja zum Regisseur ihres Lebens zu werden, wenn sie sich am gesellschaftlichen Leben beteiligen wollen. […] Der ensprechende Habitus muss erlernt, auf Dauer gestellt und in automatisierter Funktionalität geübt werden.

Solcherart gelinge es dem stupiden Menschen, die Täuschung zum Authentischen zu erheben. Mit entsprechenden Folgen für die Politik, denn

nicht daß der Politiker lügt, ist das Problem im Zeitalter der Simulation, sondern daß er jederzeit glaubt, was er sagt, wenn er lügt, und daß das Gesagte das Einzige ist, was für ihn – gegen alle Vernunft – zählt, und daß er weiß, daß es schließlich außerhalb der machtgestützten Sage überhaupt nichts anderes gibt.

Die Politik gleiche deshalb in ihrem Unvermögen angemessenen Handelns einem

„Chaos-Generator“. Die Kunst des Möglichen produziert eine Unmöglichkeit nach der anderen.

Oder mit den Worten Umberto Ecos:

Für jedes komplexe Problem gibt es eine einfache Lösung, und die ist die falsche.

Komplexitätsreduzierung wird jedoch auf der politischen Bühne zumindest versprochen, und das mit nicht unerheblichen Gefahren:

Was Wunder, daß im Spürsinn für das Schieflaufen der Moderne alte und neue Fundamentalisten Konjunktur haben. Diese erheben gewissermaßen die allenthalben entstandene Dummheit zum Prinzip. Sie verzehren in regressiven Träumen die Stupidität ihrer Anhänger und entlasten sie von den Nöten der Komplexität.

Leider sieht Kamper kaum einen realistischen Ausweg aus dem Dilemma, sondern nur zwei Lösungen. Die wahrscheinliche sei die Fortsetzung der Stupidität, die unwahrscheinliche dagegen

die Öffnung der Politik für das Unmögliche, die einem Verzicht auf Macht gleichkommt.

Fortsetzung der Stupidität hieße aber, die Weltpolitik „durch die Vortäuschung, Ersetzung, Auflösung und Löschung von Realität“ ins Chaos zu stürzen, eine drohende Katastrope ohne Entkommen. Fast apokalyptisch schlussfolgert er:

Der beherrschende Glaube an den Mehrwert, der Kapitalismus, hat bald keine Alternative mehr. Das wird ihn unaufhaltsam in die Simulation treiben mit all den kenntlich gemachten paradoxalen Konsequenzen. […] In der grenzenlosen Welt der Spekulation, in der Immanenz des Imaginären wird er sich erschöpfen. Mit Krisen wurde er spielend fertig; er brauchte sie zum Überleben. Katastrophen sind dagegen außerhalb seiner Kompetenz.

Literatur: Dietmar Kamper: Stupidität. Über politische Dummheit heute, in: Opfer der Macht. Müssen Politiker ehrlich sein?, hg. von Peter Kemper, Frankfurt/M./Leipzig 1993, S. 112-124

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