Loveparade: Eva Herman, Prophetin der letzten Tage

Eva Herman

Kurz nachdem auf der Duisburger Loveparade 21 Menschen ums Leben kamen, hat Eva Herman bereits verbal aufgerüstet. Diesmal wittert sie hinter dem dröhnenden „Sodom und Gomorrha“ geradezu das Schallen der apokalyptischen Posaunen. Anders ließe sich sonst wohl kaum die Pietätlosigkeit erklären, die allein der Titel „Sex- und Drogenorgie Loveparade: Zahlreiche Tote bei Sodom und Gomorrha in Duisburg“ offenbart. Das Plädoyer, das sie auf den Seiten des Kopp-Verlages abgegeben hat, spart nicht an religiösen Sujets:

Wer sich die Bilder der Loveparades aus den zurückliegenden Jahren ansieht, glaubt, in der Verfilmung der letzten Tage gelandet zu sein, wie sie in der Bibel beschrieben werden. Viele der Partygäste wirken auch in diesem Jahr bereits lange vor dem Unglück wie ferngesteuert. Betrunken oder vollgekifft, mit glasigen Blicken, wiegen sich die dünn bekleideten Körper in rhythmischem Zucken wie in Trance.

Das schlimmste sei nicht allein, dass sich die Partygäste freiwillig das

stereotype Rave-Gehämmere, das nicht mehr im Geringsten etwas mit dem einstmaligen Begriff von Musik zu tun hat

antun würden, schlimmer noch sei der sittliche Verfall, der damit einhergehe:

Viele Mädchen haben den Busen blank gezogen, manche sind fast völlig nackt. Sie wiegen sich in ekstatischer Verzückung im ohrenbetäubenden Lärm, Begriffe wie Sittlichkeit oder Anstand haben sich in den abgrundtiefen Bassschlägen ins Nichts aufgelöst.

Keine Frage, da hat der Teufel (sie vermeidet das Wort!) die Hände im Spiel, er verführt die Jugend und treibt sie direkt ins Verderben:

Riesige dunkle Wolken der Enthemmung und Entfesselung treiben über dem Geschehen, die jungen Menschen wirken, als hätten sie jegliche Selbstkontrolle abgegeben, ekstatisch und wie im Sog folgen sie dem finsteren Meister der sichtbaren Verführung.

In der Katastrophe von Duisburg liest Herman wie einst die Mönche in der Johannesapokalypse, und selbstverständlich handelt es sich nur um die Spitze des Eisbergs. Denn der Satan hat längst die ganze Gesellschaft verdorben:

Niemand wird jetzt natürlich, angesichts der Zahl von nahezu zwanzig Toten und den weiteren zahlreichen, zum Teil schwerverletzten jungen Leuten, über die entfesselten Auswüchse der »geilsten Party der Welt« berichten, die symbolisch doch nur für den kulturellen und geistigen Absturz einer ganzen Gesellschaft steht.

Man ahnt, wo Herman den Teufel wittert, wo sich der große Antichrist, der Strippenzieher allen Übels, verborgen hält:

Die unheilvollen Auswüchse der Jetztzeit sind, bei Licht betrachtet, vor allem das Ergebnis der Achtundsechziger, die die Gesellschaft »befreit« haben von allen Zwängen und Regeln, welche das »Individuum doch nur einengen«. Wer sich betrunken und mit Drogen vollgedröhnt die Kleider vom Leib reißt, wer die letzten Anstandsrnormen feiernd und tanzend einstürzen lässt, und wer dafür auch noch von den Trägern der Gesellschaft unterstützt wird, der ist nicht weit vom Abgrund entfernt. Die Achtundsechziger haben ganze Arbeit geleistet!

Angesichts des biblischen Bezugsrahmens ihrer Worte klingt der abschließende Satz fast überflüssig, denn längst weiß der Leser, dass die Katastrophe nur übersinnliche Ursachen haben kann. Nun aber vermutet sie darin gar göttliches Wirken:

Eventuell haben hier ja auch ganz andere Mächte mit eingegriffen, um dem schamlosen Treiben endlich ein Ende zu setzen. Was das angeht, kann man nur erleichtert aufatmen!

Doch Eva Herman hat das alles nicht so böse gemeint, wie es klingt. In einem zweiten Artikel reagiert sie auf die empörten Reaktionen auf ersteren. Doch eher platitüdenhaft kommen die mitfühlenden Worte daher:

Einige junge Leute waren ärgerlich, weil sie die Menschen, die bei dem Unglück in Duisburg ums Leben kamen, durch einige meiner Worte diskriminiert sahen. Mir ist es wichtig, klarzustellen, dass dies nicht geschehen ist, sondern dass ich im Gegenteil in dem Artikel mein tiefstes Beileid ausgesprochen habe.

Frau Herman wirbt um Verständnis, denn wie einst Martin Luther King hat auch sie einen Traum:

Den Traum eines Landes mit glücklichen Menschen, ohne Drogen, ohne übermäßigen Alkohol, ohne eine sexualisierte Gesellschaft, sondern eines Landes, in dem Menschen leben, denen Verlässlichkeit und gegenseitiger Respekt wichtig sind. Wünschenswert wäre ein Land, in dem die Menschen sich füreinander verantwortlich fühlen, ein Land, in welchem Politiker nicht mehr die Unwahrheit sagen dürfen, ein Land mit Medien, die wahr berichten. Ein Land mit geistiger Freiheit und Hilfe sowie Liebe für den Nächsten.

An ihrem Feindbild hält sie freilich fest:

Natürlich übe ich in dem Artikel, wie immer übrigens, Kritik an den Urhebern des allgemeinen Sittenverfalls, wozu meines Erachtens hauptsächlich die sogenannten Achtundsechziger gehören. Sie haben Werte wie moralischen Anstand nahezu abgeschafft.

Eva Herman malt ein Bild der Gesellschaft, für das die Eindimensionalität unseres politischen Rechts-Links-Schemas vollkommen ausreicht. Die Bösen sind ganz klar die „Linken“, sie allein tragen die Schuld. Und Grund allen Übels ist der sittliche Verfall, den letztere zu verantworten haben. Wenn Frau Herman solch monokausale Erklärungsmuster ausreichen, sollte man ihr dringlichst eine Erweiterung ihres Horizontes empfehlen. Vielleicht würde sie dann erkennen, dass es die Kommerzialisierung der Loveparade war, die zu der Katastrophe geführt hat: Die Stadt suchte eine preiswerte Imagepolitur, der Veranstalter die perfekte Werbemaßnahme für seine Fitnessstudios. Dazu passt dann auch die verlogene Prahlerei mit völlig übertriebenen Besucherzahlen. Nicht die vermeintliche Sittenlosigkeit hat zu dieser Katastrophe geführt, sondern die Logik eines gesellschaftlichen Systems, das einzig ökonomischen Gesetzen folgt.

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