TV-Doku: „Der Kurssturz des goldenen Kalbes“

Werbung am Turm des Wiener Stephansdoms

Am 25. November 2008 hat der österreichische Sender ORF2 eine Dokumentation von Andreas Gruber mit dem Titel „Der Kurssturz des goldenen Kalbes. Welche Religion kommt nach dem Kapitalismus?“ ausgestrahlt. Sie basiert auf dem Fragment „Kapitalismus als Religion“ von Walter Benjamin (siehe Blogartikel „Geldscheine und Götterbilder“). Der Kapitalismus wird als System mit Universalitätsanspruch geschildert, das über quasi-religiöse Mechanismen verfügt und alle Lebensbereiche durchdringt. Der eingeforderte Konsumkult verlangt den „Gläubigen“ eine uneingeschränkte Ausrichtung auf materielle Güter ab. Er transformiert darüber hinaus den Mensch zum Objekt seiner eigenen Verehrung. Aber der Kapitalismus zerstört auch seine eigenen Grundlagen durch ökologische Vernichtung, maßlose Ausbeutung von Ressourcen und die Erzeugung wiederkehrender ökonomischer Krisen.

Es folgt nun eine Zusammenfassung dieser ausgezeichneten Dokumentation.

Geschickt lässt Gruber den Film am Wiener Stephansdom beginnen, um die Touristenströme als Symptom der ganz und gar diesseitig orientierten Religion Kapitalismus zu deuten. Der Wirtschaftswissenschaftler Stephan Schulmeister bleibt ganz in diesem Bild:

Man stelle sich vor: eine feierliche Prozession der Eliten einer Gesellschaft, der Nobelpreisträger der Nationalökonomie, der führenden politischen Köpfe der Christlich-Sozialen, Konservativen, Sozialdemokraten, der bedeutendsten Journalisten und der Medien, und alle wandeln dahin unter der Monstranz, in der verborgen ist die unsichtbare Hand der Marktkräfte. Der tiefe Glaube, dass der Markt alle wesentlichen Fragen des wirtschaftlichen Zusammenlebens löst. Und sie marschieren in der Straße der Freiheit, und plötzlich stoßen sie an und es stellt sich heraus, es war eine Sackgasse. Was passiert dann?

Innerhalb dieses Systems habe die Finanz- und Wirtschaftskrise zugleich eine Glaubenskrise ausgelöst. Für einen Nachruf sei es zwar noch zu früh, aber zumindest ein genauer Blick auf dessen Mechanismen sei erforderlich, um die Suche nach Alternativen zu erleichtern. Der Kulturphilosoph Wolfgang Müller-Funk betont, dass jede Kultur oder Gesellschaft über ein Programm verfügt, das den Menschen Sicherheit und Halt gibt. Neben religiösen Traditionen könnten auch Ideologien diese Funktion ausüben.

Im Falle unserer westlichen Gesellschaften konstatiert Gruber einen Wandel weg von christlichen Werten hin zu einem auf äußerem Schein basierenden System:

Der totale Markt wurde zum faktisch allgegenwärtigen Leitsystem einer Gesellschaft, die Werte durch äußeren Anschein ersetzt hat. Die frohe Botschaft der Religion Kapitalismus war die radikale Antithese zum biblischen Evangelium. Ihr Credo war: „Und führe uns in Versuchung!“ und bedeutete die grenzenlose Steigerung des Konsums hin zum atemlosen Tanz ums goldene Kalb. Der Gläubige dieses Systems definierte seine Identität als Konsument: flexibel und austauschbar. Der totale Markt war in den letzten Jahrzehnten mehr als ein bloßer Wirtschaftsmechanismus. Seinem quasi-religiös fundamentalistischen Allmachts- und Erlösungsanspruch war nicht nur die Wirtschaft, sondern alle Lebensbereiche unterworfen.

Müller-Funk spricht deshalb von „ökonomischem Absolutismus“, weil

in allen Lebensbereichen das Ökonomische das Dominante ist. Das heißt die Entscheidung, was passieren soll, liegt in der Hand des Ökonomischen, […] es soll keine politische Kontrolle des Ökonomischen geben, das schadet dem Ökonomischen, das schadet dem Markt.

Sogar der Modeschöpfer Wolfgang Joop erweist sich in der Dokumentation nicht nur als Kenner der Religion Kapitalismus, sondern auch als deren Kritiker. Nach den menschenfeindlichen Ideologien des zwanzigsten Jahrhunderts sei einzig der Kapitalismus revitalisierbar gewesen. Der „Weg des spirituellen Shoppings“ führe auch gegenüber religiösen Werten zu einem typischen Konsumverhalten.

Der Theologe Józef Niewiadomski äußert den einprägsamen Satz:

Wir haben keine Gebote, sondern nur noch Angebote.

Diese Logik der Angebote entpuppe sich schließlich als eine

knallharte Logik, die noch härter ist, als die Logik der alten Gebote.

Eine gravierende Folge der Religion Kapitalismus sei zudem der Wandel des Menschenbildes. Der Konsument forme sich zu seinem eigenen Objekt der Anbetung. Der permanente Kult des Konsums zwinge ihn dazu, gesund und leistungsfähig zu sein, denn über seine Leistung misst sich sein Wert. Im Fitnesstudio formt er sich quasi zu seinem eigenen Götzen.

Der Mensch als sein eigener Gott.

Die Werbeindustrie übernimmt die Rolle, die früher durch die Kirche ausgeübt wurde: Sie liefert die Bilder der „neuen Heilsgeschichte“. So erläutert der Werbeagentur-Chef Johann Reifetzhammer, dass es niemals nur um materielle, sondern um ideelle Werte gehe, die durch Bilder suggeriert werden sollen. Es gehe um das

Glücks- und Heilsversprechen schon vor dem Tod.

Weil die Religion Kapitalismus an keine Transzendenz glaubt, verwundert es kaum, dass es auch das Paradies auf Erden zu kaufen gibt: Urlaub unter Palmen am weißen Sandstrand.

Keine Vertröstung mehr aufs Jenseits. Ankunft und Einzug ins Paradies und zwei Wochen Himmel auf Erden.

Freilich offenbart gerade das kenianische Urlaubsparadies jenseits des abgesperrten All-Inclusive-Areals den Widerspruch des Systems:

Eine harte Sollbruchstelle einer ganz und gar nicht globalisierten Welt. Hier brechen Welten auseinander.

Das Heilsversprechen des Kapitalismus, der ganzen Welt Wohlstand zu ermöglichen, erweist sich nirgends so deutlich als Trugschluss wie in der Dritten Welt. Während Nahrung an den Börsen als Spekulationsobjekt gehandelt wird, hungern die Menschen auf der anderen Seite des Globus in Folge der Preisentwicklung.

In der Religion des totalen Marktes werden alle Fragen nach Gerechtigkeit, Chancengleichheit oder Solidarität tunlichst vermieden. Denn diese Religion hat keine Antworten auf moralische Fragen.

Auch ökologische Katastrophen und die maßlose Ressourcenausbeutung kommen zur Sprache,

der Preis für den Tanz ums goldene Kalb.

Zitiert wird Boris Groys mit einem schockierenden Schluss:

Die konsequenteste Form des Konsums ist die Vernichtung und der Verbrauch aller Dinge. Und der ideale Konsument ist letzlich der Tod.

Schulmeister stellt die These auf, dass der entfesselte Kapitalismus sich letztlich gegen sich selbst stellt und eine Krise auslöst:

Die Entfesselung der Finanzmärkte hat eine Eigendynamik entwickelt, die sich jetzt gegen den Neoliberalismus selber stellt. Das heißt das, was zur Systemänderung führt, ist die soziale Dynamik insgesamt, […] es ist die Ökonomie selber, die sich sozusagen partiell unterminiert und eine Krise produziert.

Müller-Funk schlägt schließlich als Lösungsansatz vor, zu beginnen, vom Universalitätsanspruch der kapitalistischen Logik abzuweichen:

Ein wesentlicher Punkt der Transformation wäre auf der kulturellen Ebene das Eingeständnis: Wir sind nicht gut beraten, den Kapitalismus als Kern unserer symbolischen Bestände zu nehmen. Wir brauchen sozusagen etwas, das anders ist als das Kapital, das anders ist als das Geld, das anders ist als die Beziehung zwischen Menschen, die nur auf dem wechselseitigen Zweckverhältnis basiert.

1 Response to “TV-Doku: „Der Kurssturz des goldenen Kalbes“”


  1. 1 Konstantin 27. November 2010 um 22:34

    Dass die Gesellschaftsform in der wir heute leben, nicht den elitären Ansprüchen gerecht wird, die wir an sie stellen, liegt auf der Hand. Jedoch möchte ich bezweifeln, dass dies dem „Kaptitalismus“ anzulasten wäre.
    Erstens ist nicht klargestellt, was mit dem Begriff genau bezeichnet wird, eine Gesellschafts- oder Staatsform, individuelle oder kolllektive Wertvorstellungen oder Handlungsmaxime, oder etwa alles zusammen? Wird hier ein schwammiges Feindbild mit möglichst großem Interpretationsspielraum geschaffen, oder reden wir noch über konkrete Zustände und Vorgänge auf dieser Welt?
    Zweitens stellt sich die Frage, ob es nicht ganz natürlich ist, dass die Individuen versuchen sich über die sie einschränkenden gesellschaftlichen Vorgänge hinwegzusetzen, was letztlich zum Scheitern jedes „gut gedachten“ Gesellschaftsmodells führen wird.

    Dieser Kommentar bezieht sich zum Teil auf Themen unseres Gespräches neulich in einem Atelier. Die Dokumentation ist leider schon nicht mehr abrufbar, ich werde ihr aber noch ein bisschen auf der Spur bleiben über verschiedene Wege. Den anderen Medientipp habe ich allerdings befolgt und werde seitdem von diesem Ohrwurm heimgesucht. „She wore bluueee vel-vet …“

    Grüße!


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