Geldscheine und Götterbilder

Walter Benjamin hat 1921 das nie vollendete Fragment „Kapitalismus als Religion“ geschrieben. Die Aktualität dieses kritischen Essays ist heute ungebrochen, wenngleich der Titel schnell als reine Polemik missverstanden werden könnte.

Drei Aspekte einer Religion erkennt Benjamin in der Struktur des Kapitalismus:

Erstens ist der Kapitalismus eine reine Kultreligion, vielleicht die extremste, die es je gegeben hat. […] Mit dieser Konkretion des Kultus hängt ein zweiter Zug des Kapitalismus zusammen: die permanente Dauer des Kultus. […] Es gibt keinen „Wochentag“, keinen Tag der nicht Festtag in dem fürchterlichsten Sinne der Entfaltung allen sakralen Pompes, der äußersten Anspannung des Verehrenden wäre. Dieser Kultus ist zum dritten verschuldend. Der Kapitalismus ist vermutlich der erste Fall eines nicht entsühnenden, sondern verschuldenden Kultus.

Benjamins pessimistischer Blick auf  den Kapitalismus malt ein düsteres Zukunftsbild:

Darin liegt das historisch Unerhörte des Kapitalismus, dass Religion nicht mehr Reform des Seins sondern dessen Zertrümmerung ist.

Weil sich laut Benjamin der Kapitalismus parasitär auf dem Christentum entwickelt hat, regt er eine Untersuchung der religiösen Bildmotive auf Banknoten an:

Vergleich zwischen den Heiligenbildern verschiedener Religionen einerseits und der Banknoten verschiedener Staaten andererseits. Der Geist, der aus der Ornamentik der Banknoten spricht.

Diese Anmerkung hat Birger P. Priddat zum Anlass für einen Beitrag im Sammelband „Kapitalismus als Religion“ genommen.

Priddat: „Geist der Ornamentik“, Ideogrammatik des Geldes: Allegorien bürgerlicher Zivilreligion auf Banknoten des 19. und 20. Jahrhunderts, in: Baecker (Hrsg.): Kapitalismus als Religion, Berlin 2009, S. 19-34.

Anhand von ikonographischen Untersuchungen ausgewählter Banknoten spürt er ihrem religiösen Aspekt nach und fördert Erstaunliches zutage:

 

Wir lernen eine Zivilreligion kennen, antikisch verkleidet, eigentümlich industriefern, die den Exzess der Wirtschaft in der Industrialisierung durch eine polytheistische Figurinenmannschaft be- und ent-geistern hilft.

Durch den zunehmenden Ersatz des werthaltigen Münzgeldes durch gedruckte Geldscheine sollten die Motive das „Versprechen auf Wachstum, auf regaining of values“ repräsentieren. Die Banken griffen dazu auf einen in bürgerlichen Kreisen vertrauten Formenschatz zurück, insbesondere Göttinnen der Fruchtbarkeit und des Wohlstands.

Der Schein bekommt einen aufgedruckten, sichtbaren Schutzgeist, eine Beruhigungsfigur, die tief in die Fruchtbarkeitsmythologie des bildungsbürgerlich gehobenen, antiken Geistesschatzes eintaucht – als ob die Querelle des anciens et des modernes im 19. Jahrhundert an Versöhnung erinnert und damit beendet werden müsse. Die Schutzgeister der beginnenden Industrialisierung verkleiden sich als geschichtsvertraute Antikenfiguren; der Schock der Moderne wird durch ein Puppentheater mit Idolen der alten Welt ausgestattet […].

Assignat über 2000 Francs von 1794: erstmalige Aufnahme antiker Figurendarstellungen

Priddat deutet die Anwesenheit von Schutzgeistern als Zeichen von Gefährdung, als Beschwörungsformeln angesichts der industriellen Revolution, deren Entwicklung noch ungewiss war.

Während sich die frühen Banknoten in erster Linie durch ihre Handelssymbolik auszeichneten, gerät um 1900 die Staatsrepräsentation in den Vordergrund.

Der Reichskassenschein ist keine Banknote, sondern ein Staatspapier. Das bürgerliche Fruchtbarkeitsideal wandelt sich in ein staatliches Hoheitszeichen, die pastorale Idylle in eine wagnerianisch inszenierte Machtkonstellation mit martialischem Personal, das dennoch fraulich bleibt. Mutter Erde und Jüngling Handel werden streitbare Matronen. Sichtlich haben die Stahlstecher und ihre Auftraggeber deutsche Theater- und Opernaufführungen gesehen; der Germanenkult schlägt ein.

Reichskassenschein über 5 Mark der deutschen Reichsschuldenverwaltung von 1899: Germania als streitbare Matrone, Wikingerschiff als „Kriegsmarine in der Inszenierung einer Wagneroper“

Priddat betont das fast völlige Fehlen der Industrie im Formenvokabular, denn „Industrie war gewalttätig, vor allem sozial gewalttätig“. Stattdessen inszenieren die Banknoten eine Idylle des Handels, „stilles Ruhen, Beschauen der Früchte, Zeigen der Produkte“. Diese Früchte genießen indes nur diejenigen, die über Geld verfügen. Somit ist die Zivilreligion eine exklusive, auf Besitz gründende:

Sie gilt nur für die, die Geld haben. Wer scheinlos ist, hat keine Götter mehr. Die Logik ist einfach: Geld schützt in dem Maße, in dem man es hat, sonst nicht.

Schließlich erkennt Priddat in der Symbolik des Geldes eine Entschuldigung für die sozialen Schulden, die es erzeugt. Die Beruhigung durch ihre Bilder wirkt auf die Besitzenden, die Armen partizipieren nicht an der Götterwelt. Doch beschwören die Banknoten nicht die alten Götzen, vor denen die abrahamitischen Religionen so eindringlich warnen? Den sprichwörtlichen Tanz ums goldene Kalb? Schenkt man Priddat Glauben, dann artikuliert sich in der Bildsprache der Geldscheine ein tiefes Schuldbewußtsein.

So wie man auf den Händler- und Banknoten des 19. Jahrhunderts nicht an den strengen Gott Abrahams erinnern will, sondern auf unschuldigere Szenarien ausweicht, die aber dennoch Götterlandschaften sind, so ist die pastorale Besetzung die (bewusste, unbewusste?) Ablenkung vom strafenden Christengott, der den Handel an der Grenze zur Habsucht sieht. Man sucht sich (ist das legtim?) eben die Götter, die man für das Geschäft braucht. Es müssen dann Götter sein, die die Geldgeschäfte segnen und schützen.

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