Archiv der Kategorie 'Elite'

Der chauvinistische Kreuzzug des Neoliberalismus

Vor etwa 80 Jahren schickte sich ein Zirkel von Ökonomen an, die Freiheit der Wirtschaft von staatlichem Einfluss zu erzwingen. Sie verstanden ihr Bemühen als Kreuzzug und handelten im Namen einer höheren Macht, nämlich der „unsichtbaren Hand“ des Marktes. Zur wichtigsten Bastion dieser Marktradikalen entwickelte sich die „Chicagoer Schule des Monetarismus“, wo sich um den Nobelpreisträger Milton Friedman eine Jüngerschar zusammenfand, um jeglicher Form von staatlichem Interventionismus den Kampf anzusagen. Sie waren die Speerspitzen des Neoliberalismus, jener ökonomischen Ideologie, die inzwischen fast den ganzen Erdball erobert hat…

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Propaganda global: Wie wir auf die Neue Weltordnung vorbereitet werden

Viel wird im Netz über die Neue Weltordnung (NWO) spekuliert, Horrorszenarien eines Weltfaschismus und globalen Polizeistaats entworfen. Doch was ist dran an solchen Befürchtungen? Bei der arglosen Lektüre des “Weltatlas & Länderlexikon” (Tandem-Verlag, 2008) bin ich gestern fast vom Hocker gefallen, so explizit bereitet uns das harmlos daherkommende Buch propagandistisch auf die schöne neue Welt vor. Das im Jahr 2000 in der Originalausgabe im Verlag Ransom House Australia (“Geographica’s World Reference. Over 1.000 pages of global information”) erschienene Nachschlagewerk beruft sich u. a. auf das “CIA World Fact Book”. Allein das sollte zu denken geben. Im folgenden möchte ich einige Auszüge präsentieren, die das hohe manipulative Potential des Buches aufzeigen.

Der Nationalstaat als Auslaufmodell

In knappen Kapiteln wird der Leser über die groben Entwicklungen informiert, die zur Welt geführt haben, wie wir sie kennen. Doch immer wieder wird in Prognosen in die Zukunft geschaut. So sei beispielsweise der Nationalstaat inzwischen ein Auslaufmodell:

Am Anfang des 21. Jh. werden sie [die Nationalstaaten] in ihrer Bedeutung aber durch supranationale Staatengruppen abgelöst sein, da viele bezweifeln, dass Nationalstaaten noch in der Lage sind, die Probleme innerhalb ihrer Grenzen zu lösen und mit Machtfaktoren umzugehen, die von regionaler oder globaler Bedeutung sind. (S. 192f.)

Dabei spielt die Europäische Union eine zentrale Rolle:

Manche sehen in der EU den Anfang vom Ende des territorialen Nationalstaats, so wie wir ihn kennen. Vielleicht erweist sich die Entwicklung in Europa einmal mehr als wegweisend. (S. 195)

Folgerichtig belehrt uns das Buch im Anschluss über die internationalen Organisationen, die seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gegründet wurden, allen voran die UN und der IWF. Rund 500 staatliche und nochmals 5000 nichtstaatliche würden inzwischen existieren. Und trotzdem äußert der Autor harsche Kritik an den Vereinten Nationen:

Zeitweise wirken sie wie eine machtlose, handlungsunfähige Institution und gleichen eher einer Diskussionsrunde der Großmächte als dem von manchen ihrer Mitglieder angestrebten “Weltparlament”. (S. 197)

Die Ursachen sind schnell ausgemacht: nationale Egoismen und eine chronische Unterfinanzierung. Auch ein Lösungsvorschlag lässt nicht lange auf sich warten, wird aber erstaunlich unkommentiert an das Ende des Kapitels gestellt:

Zu Beginn des 21. Jh. steht die Idee der Gründung einer Weltregierung zwar noch im Raum, hat aber deutlich an Dringlichkeit verloren. (S. 198)

Globalisierung ist vollkommene Verwandlung

Energisch ausgeholt wird dann in der anschließenden knappen Behandlung des Themas Globalisierung, die zunächst mit einer Definition beginnt:

Globalisierung bezeichnet die Änderung des Maßstabs menschlicher Prozesse und Aktivitäten, wie sie im letzten Vierteljahrhundert vor sich ging – dabei werden Aufgabenbereiche des Staats globalen Organisationen übertragen. (S. 200)

Hier erfahren wir auch von den Motoren der Globalisierung, nämlich den multinationalen Konzernen, von denen die “moderne globale Wirtschaft” gesteuert werde. Mal wieder wagt der Autor einen Blick in die Zukunft. Eigentlich seien diese Konzerne noch nicht global, da sie sich auf Märkte und Aktionäre im Heimatland konzentrierten, doch werde

der Begriff global in Wirtschaftskreisen bereits weitgehend verwendet, um eine Handlungsebene zu bezeichnen, die die meisten Firmen in absehbarer Zukunft anstreben. Dazu gehören eine internationale Belegschaft, Aktionäre in mehreren Staaten und Produktverkäufe auf allen Märkten weltweit. (S. 201)

Eine Prognose schließt sich an, die uns eine völlige Veränderung vorhersagt:

Viele Experten sind der Ansicht, dass die Globalisierung die Weltwirtschaft im 21. Jahrhundert vollkommen verwandeln wird, bis es keine nationalen Produkte mehr gibt, keine nationalen Firmen, keine nationalen Industrien, ja keine nationalen Wirtschaften. (S. 201f.)

Der globale Mensch

Mit ähnlich drastischen Worten, die an Suggestivität kaum zu überbieten sind, wird eine soziale Veränderung und eine künftige Zweiklassengesellschaft vorausgesagt:

Beim Erfolg auf dem weltweiten Markt sind die einzelnen Staaten vollkommen auf die Fähigkeiten ihrer Bewohner angewiesen, und sie werden gegen starke externe Kräfte anzukämpfen haben, die eine sich ständig verbreiternde Kluft zwischen einem qualifizierten, global denkenden Bevölkerungsteil und einer wachsenden ungebildeten, “weltfremden” Unterschicht schaffen können. (S. 202)

Die Globalisierung fordert gleichsam einen “Neuen Menschen”, der global denkt, sofern er nicht zur “weltfremden” Unterschicht gehören will. Als pikante Note sei erwähnt, dass “Globalisierung” den letzten Abschnitt bildet im Oberkapitel “Mensch und Welt”. Indem dieses mit der “Evolution des Menschen” beginnnt, lässt das Buch die Menschheit in zwingender Konsequenz in die globale Ordnung als ihrem geschichtlichen Ziel münden.

Wohlgemerkt sind es die Konzerne, deren globale Vernetzungsstrukturen die ebenso globale Transformation der Staatengebilde zur Folge haben sollen. Kritische Fragen werden vom Autor klar entschieden:

Führt die Globalisierung z. B. zur kulturellen Homogenität? Hier gehen die Meinungen stark auseinander. Viel deutet darauf hin, dass sich derzeit eine globale Kultur entwickelt. (S. 203)

Gänzlich bezeichnend ist die Art, wie uns die Globalisierung als alternativlos dargestellt und die etablierten globalisierungskritischen Organisationen wie Attac mit keinem Wort erwähnt werden. Deren Rolle nimmt eine andere bekannte Gruppe ein:

Andererseits gibt es auch Bewegungen, die sich der globalen Homogenisierung widersetzen – z. B. die Fundamentalisten aller religiösen Gemeinschaften. (S. 203)

Globalisierungsgegner werden demnach als weltfremde Idioten oder religiöse Fundamentalisten stigmatisiert. Wie als Warnung schließt das Kapitel mit dem Satz:

Ob man es nun schätzt oder fürchtet: Die Globalisierung wird sich vermutlich als Schlüsselprozess des 21. Jh. erweisen. (S. 203)

 

Der Politiker als Volksversteher? Wie der Lobbyismus eine Politik der Lüge erzeugt

Aus aktueller Lektüre möchte ich einen Aufsatz des Trend- und Zukunftsforschers Matthias Horx vorstellen. Unter dem Titel “Lobbies und Seilschaften regieren” widmet er sich der Frage, ob Politiker ehrlich sein müssen. Vor dem Hintergrund der nicht in Erfüllung gegangenen “geistig-politischen Wende”, die uns Helmut Kohl einst verprochen hatte, vermutet er einen Machtverlust der Politik zugunsten der “Basisdemokratie”. Was zunächst paradox klingt, gewinnt an Plausibilität, indem Horx auf das “Handbuch des öffentlichen Lebens” verweist, das jährlich auf 1200 Seiten Kontaktadressen sämtlicher deutscher Institutionen auflistet.

Der Verband deutscher Zoodirektoren. Die Deutsche Kakteen-Vereinigung. Der Interessenverband Hydraulik und Hydroakustik. Die Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz im Ausland. Der Arbeitsring Lärmbekämpfung. Der Verband deutscher Kerzenhersteller. [...]

Die unterschiedlichen Charaktere, die heute das politische Geschäft bestellen, müssen laut Horx alle auf ihre Weise diesen breitgefächerten Interessenvertretern gerecht werden – auf Kosten politischer “Inhalte”.

Politik, so spüren wir, wenn wir den politischen Zirkus aus den hinteren Zuschauerreihen betrachten, wird immer mehr zu einer Veranstaltung, die einer Modenschau gleicht, einem Variete mit Zauber- und Luftnummern [für] die Menge. Politiker vertreten heute immer weniger eherne Prinzipien und Ideologien, sie vermitteln, repräsentieren, symbolisieren Lebensstile, psychologische Grundmuster.

Und diese Grundmuster, so argumentiert er, seien “Muster, die die Wähler wiedererkennen, in denen sie sich selbst erkennen im Politiker”. Die Macht der Politiker erschöpfe sich angesichts der mächtigen Lobbyistenverbände in einem Ausbalancieren der mannigfaltigen Interessen unter Ausschluss der Ehrlichkeit gegenüber den Wählern.

Hier kommt offensichtlich derjenige Politiker am besten ins Spiel, der innerlich gleichsam leer ist und bei dem folgerichtig Lüge und Wahrheit verschwimmen.

Horx fürchtet unterdessen angesichts der verbreiteten Klage über die Unehrlichkeit der Politiker mehr den Ruf nach einem autoritären Staat als die Folgen einer Politik, die lediglich die “kybernetisch maximale Anpassungsleistung” vom Politiker fordert.

Vor lauter Geschrei nach der “Wahrheit” wird die schlichte Wahrheit vergessen, daß die moderne demokratische Gesellschaft ein Kaleidoskop aus Wünschen und Begehren, Beharrungsvermögen und Kräftebalancen ist, die durch all das, was so lautstark gefordert wird – Entschlossenheit, Aufräumen, In-den-Griff-Kriegen -, zerstört werden müßte. Hoffen wir, daß der Ruf nach “Führung” ungehört verhallt.

Literatur: Matthias Horx: Lobbies und Seilschaften regieren, in: Opfer der Macht. Müssen Politiker ehrlich sein?, hg. von Peter Kemper, Frankfurt/M./Leipzig 1993, S. 234-244

Stupidität – Grundkategorie der Politik

Der 2001 verstorbene Soziologe Dietmar Kamper hat uns mit einer Kategorie der Politik bekannt gemacht, die ihr wohl so mancher ohne Zögern attestieren würde: Stupidität. Das politische Geschäft verlange es heute, dass dessen Akteure zwischen Reflexion und Aktion peinlichst genau trennten.

Wer Macht haben und behalten will, braucht ein tägliches Desensibilisierungstraining. Beschränktheit zum Zwecke des Handelns fordert Abwehr jeglichen Zweifels, erst Recht der Verzweifelung.

Kamper sieht gar ein Auseinanderbrechen von Politik und Intelligenz vollzogen, so dass die politische Bühne heute von Stereotypen mit ähnlich gelagerter “Stupidität” bespielt werde, als da wären:

gewiefte Schauspieler und vergeßliche Funktionäre und schlecht simulierende Normalbürger, deren einstudierte Posen trotz Routine durchsichtig bleiben, und Bürokraten, die sich ihre Rhetorik von der Kanzel geliehen haben, und gewinnende Populisten, die sogar ihr Charisma noch als Maske zu benutzen wissen.

Im Gegensatz zur schlichten Dummheit, die z. B. der Ignoranz gegenüber besserem Wissen geschuldet ist, sei die Stupidität eine Verfeinerung.

Während die Dummheit noch Züge eines Vermögens trug, das sie für ein Handeln nach Zweck-Mittel-Relationen tauglich machte, besteht das Resultat stupider Macht in nichts anderem als im Verfehlen ihres Zieles, was dann mit allen Mitteln der Inszenierung vertuscht wird. So verausgabt sich die neueste Politik [1993] längst in der sorgsamen Verheimlichung dessen, daß Politik im alten Verstande nicht mehr stattfindet. Der Vollzug der Macht ist die Kaschierung einer fundamentalen Leere.

Die Argumentation Kampers diagnostiziert unserer Zeit katastrophische Züge, so dass sich im politischen Handeln letztlich eine psychologische Gegenstrategie angesichts des Unvermeidbaren äußere.

Was zu viel ist, zu gewaltig, zu groß oder komplex, provoziert – so betrachtet – ritualisierte Gegenwehr, die mittels normierender oder normalisierender Maßnahmen auf Dauer gestellt werden soll.

Somit neige die Stupidität zur Aufgabe jeglicher Intelligenz mit der Folge eines panischen und “wildgewordenen” Handelns.

Das Wort stupide ist mit stupor verwandt und bezeichnet einen Zustand, in dem die Menschen entweder starr werden vor Schrecken oder aus Angst in der leerlaufenden Wiederholung der Simulation versinken.

Mit hoher Präzision vermag es Kamper, in die Niederungen der stupiden Psyche vorzudringen, die seiner Überzeugung nach in manischer Selbsttäuschung permanent an der Identitätsbildung durch “lebenslängliche Selbstinszenierung” arbeitet.

Die Menschen werden genötigt, zum Schauspieler, ja zum Regisseur ihres Lebens zu werden, wenn sie sich am gesellschaftlichen Leben beteiligen wollen. [...] Der ensprechende Habitus muss erlernt, auf Dauer gestellt und in automatisierter Funktionalität geübt werden.

Solcherart gelinge es dem stupiden Menschen, die Täuschung zum Authentischen zu erheben. Mit entsprechenden Folgen für die Politik, denn

nicht daß der Politiker lügt, ist das Problem im Zeitalter der Simulation, sondern daß er jederzeit glaubt, was er sagt, wenn er lügt, und daß das Gesagte das Einzige ist, was für ihn – gegen alle Vernunft – zählt, und daß er weiß, daß es schließlich außerhalb der machtgestützten Sage überhaupt nichts anderes gibt.

Die Politik gleiche deshalb in ihrem Unvermögen angemessenen Handelns einem

“Chaos-Generator”. Die Kunst des Möglichen produziert eine Unmöglichkeit nach der anderen.

Oder mit den Worten Umberto Ecos:

Für jedes komplexe Problem gibt es eine einfache Lösung, und die ist die falsche.

Komplexitätsreduzierung wird jedoch auf der politischen Bühne zumindest versprochen, und das mit nicht unerheblichen Gefahren:

Was Wunder, daß im Spürsinn für das Schieflaufen der Moderne alte und neue Fundamentalisten Konjunktur haben. Diese erheben gewissermaßen die allenthalben entstandene Dummheit zum Prinzip. Sie verzehren in regressiven Träumen die Stupidität ihrer Anhänger und entlasten sie von den Nöten der Komplexität.

Leider sieht Kamper kaum einen realistischen Ausweg aus dem Dilemma, sondern nur zwei Lösungen. Die wahrscheinliche sei die Fortsetzung der Stupidität, die unwahrscheinliche dagegen

die Öffnung der Politik für das Unmögliche, die einem Verzicht auf Macht gleichkommt.

Fortsetzung der Stupidität hieße aber, die Weltpolitik “durch die Vortäuschung, Ersetzung, Auflösung und Löschung von Realität” ins Chaos zu stürzen, eine drohende Katastrope ohne Entkommen. Fast apokalyptisch schlussfolgert er:

Der beherrschende Glaube an den Mehrwert, der Kapitalismus, hat bald keine Alternative mehr. Das wird ihn unaufhaltsam in die Simulation treiben mit all den kenntlich gemachten paradoxalen Konsequenzen. [...] In der grenzenlosen Welt der Spekulation, in der Immanenz des Imaginären wird er sich erschöpfen. Mit Krisen wurde er spielend fertig; er brauchte sie zum Überleben. Katastrophen sind dagegen außerhalb seiner Kompetenz.

Literatur: Dietmar Kamper: Stupidität. Über politische Dummheit heute, in: Opfer der Macht. Müssen Politiker ehrlich sein?, hg. von Peter Kemper, Frankfurt/M./Leipzig 1993, S. 112-124

Die Macht der Konzerne – Gefahr für die Demokratie?

Firmenzentrale der I.G. Farben in Frankfurt/M.

Kürzlich hat Spiegel-Online gemeldet, dass die EU-Kommission ein illegales Stahl-Kartell zu einer Rekordgeldbuße von 518 Millionen Euro verurteilt hat. Die 17 Hersteller von Spannstahl aus Deutschland und anderen europäischen Ländern sollen mindestens 18 Jahre lang durch verbotene Absprachen die Preise hochgehalten haben. Dass es sich hierbei “nur” um Auswüchse der Profitgier handelt, lässt die unserer Tage regelmäßig auffliegenden Kartelle verhältnismäßig harmlos erscheinen vor dem Hintergrund von Machenschaften in der jüngeren Geschichte.

So ist z.B. im Vorfeld des “Dritten Reiches” eine Diktatur Adolf Hitlers von einigen Konzernen als willkommene Alternative zur Weimarer Republik angesehen worden. Im Jahr 1933 hat die I.G. Farben Hitler im Wahlkampf mit 400.000 Reichsmark bedacht. Bei einem Geheimtreffen haben insgesamt 27 Großindustrielle mehr als 2 Millionen Reichsmark für die NSDAP zusammengebracht. Die I.G. Farben war aus verschiedenen Kartellen hervorgegangen, die sich während des Ersten Weltkrieges gebildet hatten, zunächst um in der Anwendung eines speziellen Verfahrens zur Ammoniakherstellung, einer wichtigen Substanz für die Sprengstoffproduktion, miteinander zu kooperieren. Nun versprach ihnen der angehende “Führer” beste Preise und Großaufträge der Wehrmacht – und bekam im Gegenzug die benötigten Geldmittel.

Der Befund, dass Konzerne der Demokratie gefährlich werden können, beschränkte sich damals unterdessen keineswegs auf Deutschland und die weiteren faschistischen “Achsenmächte”. Auch in den USA wuchs die Macht großer Unternehmen, die sich vermehrt zu Korporationen zusammenschlossen, zu einer ernsthaften Gefahr aus. Der Wirtschaftswissenschaftler Maurice Dobb hat dem Kapitalismus der Zwischenkriegszeit 1946 einen interessanten Aufsatz gewidmet.

Dobb, Maurice: Der Kapitalismus zwischen den Kriegen, in: ders.: Organisierter Kapitalismus. Fünf Beiträge zur politischen Ökonomie, Suhrkamp 1973

Ein Hauptanliegen Dobbs besteht darin, die Gefahren für den Staat herauszustellen, die von Großkonzernen seinerzeit ausgingen. So zitiert er eine Untersuchung von Berle und Means (The Modern Corporation and Private Property) aus dem Jahr 1932 über den amerikanischen Kapitalgesellschaftsbesitz, die zu einem alarmierenden Ergebnis kommt:

Der Aufstieg der modernen Korporationen brachte eine Konzentration ökonomischer Macht, die gleich auf gleich mit dem modernen Staat zu konkurrieren vermag [...] [und die] in der Zukunft diesen möglicherweise sogar als herrschende Form gesellschaftlicher Organisation verdrängen kann.

Dobb gelangt daher zur allgemeinen Feststellung:

In Wirklichkeit vermischt sich in der Epoche der “Wirtschaftsreiche” das Macht- mit dem Profitstreben.

Zwar wirke es so, als übten Aktiengesellschaften einen demokratisierenden Einfluss auf das Eigentum und die Wirtschaftsentwicklung aus, aber in Wirklichkeit liege die Macht stets in den Händen der Hauptaktionäre. Es würde im Gegenteil ein zersetzender Einfluss auf die Demokratie bestehen:

Ein Aspekt der modernen Konzentration wirtschaflicher Macht, den die Diskussion in den letzten Jahren mehr und mehr beachtet hat, ist die aus dieser Konzentration entspringende Verzerrung der Demokratie. Die “neuen Feudalherren” der Epoche der “Wirtschaftsreiche” – die, in Henry Wallaces Worten, “die Volkssouveränität an sich reißen” – sind nicht bloß eine rhetorische Phrase. Dass das Kapital, mittels seines Einflusses auf die Presse und die Parteikassen, politische Macht erwerben kann und oft genug sowohl die lokalen wie die nationalen Regierungen zu seinen Zwecken zu bekehren vermochte, ist ein ehrwürdiger Gemeinplatz, selbst wenn die politische Theorie ihn noch immer nicht begriffen hat.

Eines der düstersten Kapitel des amerikanischen Korporatismus der Zwischenkriegszeit sieht Dobb in der Gewaltanwendung gegenüber den Arbeitnehmern. Zunächst wurden ihnen mit dem National Labour Relations-Gesetz von 1935 erstmals Versammlungsrecht, das Recht auf freie Meinungsäußerung, Tarifverträge etc. zugebilligt. Doch die Konzerne setzten sich zur Wehr. In den Berichten des “La Follette-Ausschusses” (Committee on Education and Labor, Subcommittee Investigating Violations of Free Speech and the Rights of Labor), der von 1936 bis 1941 diese Machenschaften untersucht hatte, kamen brutale Praktiken zum Vorschein:

Private Condottieri-Banden, gehalten und ausgehalten von Konzernen, wurden eingesetzt gegen die Arbeiter; ein nach dem Muster der Mafia aufgezogenes Spitzelsystem drang ein in die lokalen Verwaltungsbehörden; Spionage-Trupps erkundeten die Stimmung der Beschäftigten und arbeiteten, wenn Not am Mann war, mit Bestechung, Räubereien, ja mit Mord.

Im 1943 veröffentlichten “Report on Violation of the Free Speech and Rights of Labour” kamen weitere Vorgehensweisen ans Tageslicht:

Die mächtigsten Finanz- und Geschäftsgruppen in Los Angeles strebten in voller Absicht die Sabotage der staatlichen Arbeitspolitik an, vor allem der Tarifverträge [...]. Sie verbanden sich mit der lokalen Presse, der Polizei, den Beamten der Justiz. [...] Der organisierte konspirative Eingriff in Tarifverträge schloss die massenhafte Anwendung der gewöhnlichen anti-gewerkschaftlichen Methoden ein, als da sind: Bespitzelung der Arbeiter, Einsatz berufsmäßiger Streikbrecher, der Gebrauch von Schwarzen Listen usw. [...] Hinter dieser breiten und einflussreichen Bewegung standen die Chefs der Wirtschaft und der Industrie, dem Namen nach und auch tatsächlich die Banken und Finanzmakler, die Besitzer der Zeitungen und – bis zum heutigen Tag – viele der Verwaltungsbeamten.

Große Firmen wie die Republic Steel Corporation, die U.S. Steel Corporation, Carnegie’s, Bethlehem Steel und die Goodyear Tyre Companie unterhielten dem Bericht zufolge regelrechte Privatarmeen, die unter Einsatz von Schusswaffen und Tränengas gegen Streikende vorgehen sollten. Dobb zieht eine schonungslose Bilanz:

Zwischen den Praktiken der Faschisten und denen mächtiger kapitalistischer Konzerne eine Grenze zu ziehen, fällt offensichtlich schwer. [...] Geht die Unternehmenspolitik dazu über, eine politische Massenbewegung zu finanzieren und zu bewaffnen mit dem Ziel, den Regierungsapparat zu erobern, oppositionelle Organisationsformen auszulöschen und gegnerische Ansichten zu unterdrücken, so tut sie eigentlich nur einen einzigen Schritt über das hinaus, was wir hier beschrieben haben.

Blickt man auf das gegenwärtige Vorgehen der USA in Afghanistan und im Irak, insbesondere die Privatisierung des Krieges und die Rolle der Firma Halliburton wie des gesamten militärisch-industriellen Komplexes, so dürfte man aufhorchen bei Dobbs Feststellung:

Von den Versuchen, den Absatz der kapitalistischen Industrien zu beeinflussen, erfreuen sich zwei besonderer Beliebtheit. Zum einen: die politische Kontrolle über fremde Territorien mit dem Zweck, die fremden Gebiete wirtschaftlich zu erschließen und aus ihnen gelenkte Märkte zu machen. [...] Zum zweiten und in neuerer Zeit: die Rüstungsausgaben des Staates mit ihren Auswirkungen auf eine ganze Kette von Industrien, insbesondere der Schwerindustrie. Diese Ausgaben besitzen zudem den Vorteil, die Herstellung von Werkzeugen zu fördern, die der Zerstörung dienen und deren Bestimmung es ist, selber zerstört zu werden; die Nachfrage nach ihnen ist, im Gegensatz zu der nach Produktionswerkzeugen, augenscheinlich unbegrenzt.

Vor diesem Hintergrund rückt Dobb auch den Zweiten Weltkrieg in ein neues Licht. Hitlers Expansion habe zugleich auf die Erschließung neuer Märkte gezielt und sei durchaus auf Gegenliebe in den kapitalistischen Eliten gestoßen:

Die Aufrichtung eines faschistischen Wirtschaftssystems in den Nachbarstaaten wurde durch den Umstand erleichtert, dass deren herrschende Klassen die kapitalistischer Staaten waren, also gepeinigt von der Furcht vor der sozialen Revolution: eine Furcht, die eben diese Klassen dazu prädestinierte, Verbündete einer politischen Bewegung zu werden, die vorgab, den Klassenkampf in ihrem eigenen Lande ausgerottet zu haben, und die auswärts mit dem Banner des Anti-Komintern-Paktes Eindruck machte.

Weniger bekannt ist heute die Tatsache – und damit verlasse ich Dobbs Text -, dass Konzerne der USA und Nazi-Deutschlands wärend des Krieges unter der Hand beste Beziehungen pflegten. Der Chemieunternehmer Irenée DuPont, der damals auch General Motors kontrollierte, lieferte der Wehrmacht den “Opel Blitz”. Zusammen mit Rockefellers Standard Oil lieferte er Treibstoff, die I.G. Farben versorgte er mit Patenten und finanzieller Unterstützung. Der Urgroßvater von George W. Bush, Prescott Bush, unterstützte Hitler mit Kapital seiner Wall-Street-Bank Brown Brothers Harriman & Co. Mehr dazu gibt es in George Seldes’ Buch “Facts and Fascism” nachzulesen. Nach Überzeugung des Autors wurde in den USA systematisch die Wahrheit über den Faschismus verschleiert, um die wahren Faschisten im eigenen Lande, “DuPont, Ford, Hearst, Mellon and Rockefeller Empires”, zu decken. Faschismus sei stets eine Bewegung der Plutokraten gewesen, die nur vorgegeben habe, die Sache der Mittellosen zu vertreten.

The following facts, taken from official German statistics, prove that in the Third Reich there is a boundless dictatorship of the plutocrats; that a small group of magnates in the banking, industrial and chemical world have taken hold of the entire economic apparatus at the expense of the broad sections of medium and small manufacturers, artisans, storekeepers and workers, and are making unprecedented profits.

Welche Gefahr üben Konzerne heute auf die Demokratie aus? Spätestens der Irakkrieg hat bloßgelegt, wie Konzerninteressen über Krieg und Frieden entscheiden können. Ob die Demokratie sich gegenüber ihren finanzstarken Gegnern auf Dauer wird behaupten können, hängt schließlich von der Sensibilität der Öffentlichkeit ab und ihrem Vermögen, neben den kleinen auch die großen Lügen zu durchschauen.

Filmtipp:

The Corporation

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