Archiv für Juli 2010

Loveparade: Eva Herman, Prophetin der letzten Tage

Eva Herman

Kurz nachdem auf der Duisburger Loveparade 21 Menschen ums Leben kamen, hat Eva Herman bereits verbal aufgerüstet. Diesmal wittert sie hinter dem dröhnenden “Sodom und Gomorrha” geradezu das Schallen der apokalyptischen Posaunen. Anders ließe sich sonst wohl kaum die Pietätlosigkeit erklären, die allein der Titel “Sex- und Drogenorgie Loveparade: Zahlreiche Tote bei Sodom und Gomorrha in Duisburg” offenbart. Das Plädoyer, das sie auf den Seiten des Kopp-Verlages abgegeben hat, spart nicht an religiösen Sujets:

Wer sich die Bilder der Loveparades aus den zurückliegenden Jahren ansieht, glaubt, in der Verfilmung der letzten Tage gelandet zu sein, wie sie in der Bibel beschrieben werden. Viele der Partygäste wirken auch in diesem Jahr bereits lange vor dem Unglück wie ferngesteuert. Betrunken oder vollgekifft, mit glasigen Blicken, wiegen sich die dünn bekleideten Körper in rhythmischem Zucken wie in Trance.

Das schlimmste sei nicht allein, dass sich die Partygäste freiwillig das

stereotype Rave-Gehämmere, das nicht mehr im Geringsten etwas mit dem einstmaligen Begriff von Musik zu tun hat

antun würden, schlimmer noch sei der sittliche Verfall, der damit einhergehe:

Viele Mädchen haben den Busen blank gezogen, manche sind fast völlig nackt. Sie wiegen sich in ekstatischer Verzückung im ohrenbetäubenden Lärm, Begriffe wie Sittlichkeit oder Anstand haben sich in den abgrundtiefen Bassschlägen ins Nichts aufgelöst.

Keine Frage, da hat der Teufel (sie vermeidet das Wort!) die Hände im Spiel, er verführt die Jugend und treibt sie direkt ins Verderben:

Riesige dunkle Wolken der Enthemmung und Entfesselung treiben über dem Geschehen, die jungen Menschen wirken, als hätten sie jegliche Selbstkontrolle abgegeben, ekstatisch und wie im Sog folgen sie dem finsteren Meister der sichtbaren Verführung.

In der Katastrophe von Duisburg liest Herman wie einst die Mönche in der Johannesapokalypse, und selbstverständlich handelt es sich nur um die Spitze des Eisbergs. Denn der Satan hat längst die ganze Gesellschaft verdorben:

Niemand wird jetzt natürlich, angesichts der Zahl von nahezu zwanzig Toten und den weiteren zahlreichen, zum Teil schwerverletzten jungen Leuten, über die entfesselten Auswüchse der »geilsten Party der Welt« berichten, die symbolisch doch nur für den kulturellen und geistigen Absturz einer ganzen Gesellschaft steht.

Man ahnt, wo Herman den Teufel wittert, wo sich der große Antichrist, der Strippenzieher allen Übels, verborgen hält:

Die unheilvollen Auswüchse der Jetztzeit sind, bei Licht betrachtet, vor allem das Ergebnis der Achtundsechziger, die die Gesellschaft »befreit« haben von allen Zwängen und Regeln, welche das »Individuum doch nur einengen«. Wer sich betrunken und mit Drogen vollgedröhnt die Kleider vom Leib reißt, wer die letzten Anstandsrnormen feiernd und tanzend einstürzen lässt, und wer dafür auch noch von den Trägern der Gesellschaft unterstützt wird, der ist nicht weit vom Abgrund entfernt. Die Achtundsechziger haben ganze Arbeit geleistet!

Angesichts des biblischen Bezugsrahmens ihrer Worte klingt der abschließende Satz fast überflüssig, denn längst weiß der Leser, dass die Katastrophe nur übersinnliche Ursachen haben kann. Nun aber vermutet sie darin gar göttliches Wirken:

Eventuell haben hier ja auch ganz andere Mächte mit eingegriffen, um dem schamlosen Treiben endlich ein Ende zu setzen. Was das angeht, kann man nur erleichtert aufatmen!

Doch Eva Herman hat das alles nicht so böse gemeint, wie es klingt. In einem zweiten Artikel reagiert sie auf die empörten Reaktionen auf ersteren. Doch eher platitüdenhaft kommen die mitfühlenden Worte daher:

Einige junge Leute waren ärgerlich, weil sie die Menschen, die bei dem Unglück in Duisburg ums Leben kamen, durch einige meiner Worte diskriminiert sahen. Mir ist es wichtig, klarzustellen, dass dies nicht geschehen ist, sondern dass ich im Gegenteil in dem Artikel mein tiefstes Beileid ausgesprochen habe.

Frau Herman wirbt um Verständnis, denn wie einst Martin Luther King hat auch sie einen Traum:

Den Traum eines Landes mit glücklichen Menschen, ohne Drogen, ohne übermäßigen Alkohol, ohne eine sexualisierte Gesellschaft, sondern eines Landes, in dem Menschen leben, denen Verlässlichkeit und gegenseitiger Respekt wichtig sind. Wünschenswert wäre ein Land, in dem die Menschen sich füreinander verantwortlich fühlen, ein Land, in welchem Politiker nicht mehr die Unwahrheit sagen dürfen, ein Land mit Medien, die wahr berichten. Ein Land mit geistiger Freiheit und Hilfe sowie Liebe für den Nächsten.

An ihrem Feindbild hält sie freilich fest:

Natürlich übe ich in dem Artikel, wie immer übrigens, Kritik an den Urhebern des allgemeinen Sittenverfalls, wozu meines Erachtens hauptsächlich die sogenannten Achtundsechziger gehören. Sie haben Werte wie moralischen Anstand nahezu abgeschafft.

Eva Herman malt ein Bild der Gesellschaft, für das die Eindimensionalität unseres politischen Rechts-Links-Schemas vollkommen ausreicht. Die Bösen sind ganz klar die “Linken”, sie allein tragen die Schuld. Und Grund allen Übels ist der sittliche Verfall, den letztere zu verantworten haben. Wenn Frau Herman solch monokausale Erklärungsmuster ausreichen, sollte man ihr dringlichst eine Erweiterung ihres Horizontes empfehlen. Vielleicht würde sie dann erkennen, dass es die Kommerzialisierung der Loveparade war, die zu der Katastrophe geführt hat: Die Stadt suchte eine preiswerte Imagepolitur, der Veranstalter die perfekte Werbemaßnahme für seine Fitnessstudios. Dazu passt dann auch die verlogene Prahlerei mit völlig übertriebenen Besucherzahlen. Nicht die vermeintliche Sittenlosigkeit hat zu dieser Katastrophe geführt, sondern die Logik eines gesellschaftlichen Systems, das einzig ökonomischen Gesetzen folgt.

TV-Doku: „Der Kurssturz des goldenen Kalbes“

Am 25. November 2008 hat der österreichische Sender ORF2 eine Dokumentation von Andreas Gruber mit dem Titel “Der Kurssturz des goldenen Kalbes. Welche Religion kommt nach dem Kapitalismus?” ausgestrahlt. Sie basiert auf dem Fragment “Kapitalismus als Religion” von Walter Benjamin (siehe Blogartikel “Geldscheine und Götterbilder”). Der Kapitalismus wird als System mit Universalitätsanspruch geschildert, das über quasi-religiöse Mechanismen verfügt und alle Lebensbereiche durchdringt. Der eingeforderte Konsumkult verlangt den “Gläubigen” eine uneingeschränkte Ausrichtung auf materielle Güter ab. Er transformiert darüber hinaus den Mensch zum Objekt seiner eigenen Verehrung. Aber der Kapitalismus zerstört auch seine eigenen Grundlagen durch ökologische Vernichtung, maßlose Ausbeutung von Ressourcen und die Erzeugung wiederkehrender ökonomischer Krisen.

Es folgt nun eine Zusammenfassung dieser ausgezeichneten Dokumentation.

Werbung am Turm des Wiener Stephansdoms

Geschickt lässt Gruber den Film am Wiener Stephansdom beginnen, um die Touristenströme als Symptom der ganz und gar diesseitig orientierten Religion Kapitalismus zu deuten. Der Wirtschaftswissenschaftler Stephan Schulmeister bleibt ganz in diesem Bild:

Man stelle sich vor: eine feierliche Prozession der Eliten einer Gesellschaft, der Nobelpreisträger der Nationalökonomie, der führenden politischen Köpfe der Christlich-Sozialen, Konservativen, Sozialdemokraten, der bedeutendsten Journalisten und der Medien, und alle wandeln dahin unter der Monstranz, in der verborgen ist die unsichtbare Hand der Marktkräfte. Der tiefe Glaube, dass der Markt alle wesentlichen Fragen des wirtschaftlichen Zusammenlebens löst. Und sie marschieren in der Straße der Freiheit, und plötzlich stoßen sie an und es stellt sich heraus, es war eine Sackgasse. Was passiert dann?

Innerhalb dieses Systems habe die Finanz- und Wirtschaftskrise zugleich eine Glaubenskrise ausgelöst. Für einen Nachruf sei es zwar noch zu früh, aber zumindest ein genauer Blick auf dessen Mechanismen sei erforderlich, um die Suche nach Alternativen zu erleichtern. Der Kulturphilosoph Wolfgang Müller-Funk betont, dass jede Kultur oder Gesellschaft über ein Programm verfügt, das den Menschen Sicherheit und Halt gibt. Neben religiösen Traditionen könnten auch Ideologien diese Funktion ausüben.

Im Falle unserer westlichen Gesellschaften konstatiert Gruber einen Wandel weg von christlichen Werten hin zu einem auf äußerem Schein basierenden System:

Der totale Markt wurde zum faktisch allgegenwärtigen Leitsystem einer Gesellschaft, die Werte durch äußeren Anschein ersetzt hat. Die frohe Botschaft der Religion Kapitalismus war die radikale Antithese zum biblischen Evangelium. Ihr Credo war: “Und führe uns in Versuchung!” und bedeutete die grenzenlose Steigerung des Konsums hin zum atemlosen Tanz ums goldene Kalb. Der Gläubige dieses Systems definierte seine Identität als Konsument: flexibel und austauschbar. Der totale Markt war in den letzten Jahrzehnten mehr als ein bloßer Wirtschaftsmechanismus. Seinem quasi-religiös fundamentalistischen Allmachts- und Erlösungsanspruch war nicht nur die Wirtschaft, sondern alle Lebensbereiche unterworfen.

Müller-Funk spricht deshalb von “ökonomischem Absolutismus”, weil

in allen Lebensbereichen das Ökonomische das Dominante ist. Das heißt die Entscheidung, was passieren soll, liegt in der Hand des Ökonomischen, [...] es soll keine politische Kontrolle des Ökonomischen geben, das schadet dem Ökonomischen, das schadet dem Markt.

Sogar der Modeschöpfer Wolfgang Joop erweist sich in der Dokumentation nicht nur als Kenner der Religion Kapitalismus, sondern auch als deren Kritiker. Nach den menschenfeindlichen Ideologien des zwanzigsten Jahrhunderts sei einzig der Kapitalismus revitalisierbar gewesen. Der “Weg des spirituellen Shoppings” führe auch gegenüber religiösen Werten zu einem typischen Konsumverhalten.

Der Theologe Józef Niewiadomski äußert den einprägsamen Satz:

Wir haben keine Gebote, sondern nur noch Angebote.

Diese Logik der Angebote entpuppe sich schließlich als eine

knallharte Logik, die noch härter ist, als die Logik der alten Gebote.

Eine gravierende Folge der Religion Kapitalismus sei zudem der Wandel des Menschenbildes. Der Konsument forme sich zu seinem eigenen Objekt der Anbetung. Der permanente Kult des Konsums zwinge ihn dazu, gesund und leistungsfähig zu sein, denn über seine Leistung misst sich sein Wert. Im Fitnesstudio formt er sich quasi zu seinem eigenen Götzen.

Der Mensch als sein eigener Gott.

Die Werbeindustrie übernimmt die Rolle, die früher durch die Kirche ausgeübt wurde: Sie liefert die Bilder der “neuen Heilsgeschichte”. So erläutert der Werbeagentur-Chef Johann Reifetzhammer, dass es niemals nur um materielle, sondern um ideelle Werte gehe, die durch Bilder suggeriert werden sollen. Es gehe um das

Glücks- und Heilsversprechen schon vor dem Tod.

Weil die Religion Kapitalismus an keine Transzendenz glaubt, verwundert es kaum, dass es auch das Paradies auf Erden zu kaufen gibt: Urlaub unter Palmen am weißen Sandstrand.

Keine Vertröstung mehr aufs Jenseits. Ankunft und Einzug ins Paradies und zwei Wochen Himmel auf Erden.

Freilich offenbart gerade das kenianische Urlaubsparadies jenseits des abgesperrten All-Inclusive-Areals den Widerspruch des Systems:

Eine harte Sollbruchstelle einer ganz und gar nicht globalisierten Welt. Hier brechen Welten auseinander.

Das Heilsversprechen des Kapitalismus, der ganzen Welt Wohlstand zu ermöglichen, erweist sich nirgends so deutlich als Trugschluss wie in der Dritten Welt. Während Nahrung an den Börsen als Spekulationsobjekt gehandelt wird, hungern die Menschen auf der anderen Seite des Globus in Folge der Preisentwicklung.

In der Religion des totalen Marktes werden alle Fragen nach Gerechtigkeit, Chancengleichheit oder Solidarität tunlichst vermieden. Denn diese Religion hat keine Antworten auf moralische Fragen.

Auch ökologische Katastrophen und die maßlose Ressourcenausbeutung kommen zur Sprache,

der Preis für den Tanz ums goldene Kalb.

Zitiert wird Boris Groys mit einem schockierenden Schluss:

Die konsequenteste Form des Konsums ist die Vernichtung und der Verbrauch aller Dinge. Und der ideale Konsument ist letzlich der Tod.

Schulmeister stellt die These auf, dass der entfesselte Kapitalismus sich letztlich gegen sich selbst stellt und eine Krise auslöst:

Die Entfesselung der Finanzmärkte hat eine Eigendynamik entwickelt, die sich jetzt gegen den Neoliberalismus selber stellt. Das heißt das, was zur Systemänderung führt, ist die soziale Dynamik insgesamt, [...] es ist die Ökonomie selber, die sich sozusagen partiell unterminiert und eine Krise produziert.

Müller-Funk schlägt schließlich als Lösungsansatz vor, zu beginnen, vom Universalitätsanspruch der kapitalistischen Logik abzuweichen:

Ein wesentlicher Punkt der Transformation wäre auf der kulturellen Ebene das Eingeständnis: Wir sind nicht gut beraten, den Kapitalismus als Kern unserer symbolischen Bestände zu nehmen. Wir brauchen sozusagen etwas, das anders ist als das Kapital, das anders ist als das Geld, das anders ist als die Beziehung zwischen Menschen, die nur auf dem wechselseitigen Zweckverhältnis basiert.

Falsches Spiel am Hindukusch

Schon lange gibt es Gerüchte, doch nun scheint es sicher: Der pakistanische Geheimdienst ISI unterstützt die Taliban mit Waffenlieferungen und gab sogar die Ermordung des afghanischen Präsidenten Karzai in Auftrag. Diese Informationen sind brisant, denn bisher zeigte sich Pakistan stets als enger Verbündeter der USA im sogenannten “Krieg gegen den Terror”. Die Enthüllungen verdanken wir der “Whistleblower”-Plattform WikiLeaks. Dort wurden genau 91.731 streng geheime Meldungen direkt von der Front veröffentlicht, die ein unverfälschtes Bild dieses Krieges zeichnen, der keinerlei Legitimität besitzt. Denn die Mittäterschaft Osama Bin Ladens an den Ereignissen des 11. Septembers 2001 gilt selbst dem FBI alles andere als sicher. Schon vor mehreren Wochen hat WikiLeaks die Kriegsprotokolle dem Londoner Guardian, der New York Times und dem Spiegel zugespielt.

Pakistans ehemaliger Geheimdienstchef Hamid Gul, der in den Protokollen mehrfach namentlich als Unterstützer der Taliban auftaucht, hat unterdessen gegenüber Al Jazeera die Anschuldigungen dementiert und als Lügen bezeichnet:

Der Politikanalyst Christoph Hörstel beklagt sich über die einseitige Berichterstattung der New York Times, die allein Pakistan ein doppeltes Spiel vorwirft. Gegenüber Russia Today äußerte er, dass das falsche Spiel von den USA ausgehen würde, die Pakistan zu einer ebensolchen Doppelstrategie zwingen würden:


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